Krafft Ehrickes Extraterrestrischer Imperativ
„Wissen ist das wichtigste Werkzeug von morgen… Das Leben für die Wissenschaft ist das spannendste und aufregendste Leben, das man sich vorstellen kann. Durch Forschen und Entdecken leistet man einen Beitrag für die Menschheit, denn man begreift einen Ausschnitt von der Arbeitsweise der Natur, den man weder selbst noch irgendjemand anderes vorher verstanden hatte.“((Thomas 1960, S. 1.))
Krafft A. Ehricke, von dem dieses Zitat stammt, war einer der beeindruckendsten Menschen dieses Jahrhunderts. Den Fußstapfen seines geistigen Ziehvaters Hermann Oberth folgend widmete er sich ganz der Astronautik, die er zu einer Perspektive ausweitete, wonach die Menschheit nicht nur Erde und Mond erkunden, sondern das ganze Sonnensystem besiedeln könnte. Er war wie Wernher von Braun ein rastloser Verfechter, Propagandist und Förderer der Weltraumforschung und ein unerbittlicher Verteidiger der Wahrheit auch dort, wo sie unbequem war. Wie Willy Ley hatte er sich ein breites Wissen auf fast allen Gebieten der Naturwissenschaft erworben, aber vor allem interessierte ihn die Entwicklung des Lebens und der Biosphäre insgesamt.
Die Besiedlung des Weltalls durch den Menschen ergab sich für Ehricke aus der Evolution. Das eigentliche Ziel des Lebens sah er vor allem in der Fähigkeit, Krisen, die entropisch bedingt in jeder Periode der Erdgeschichte auftreten, negentropisch zu überwinden. In diesem Sinne eröffnete das Raumfahrtzeitalter dem Menschen zum ersten Mal in seiner Geschichte die Möglichkeit, seine zweidimensionale Lebensweise auf der Erde durch eine drei- und vierdimensionale Zivilisation, die mehrere Planeten umfasst, zu erweitern.

Wer ihn persönlich kannte, war stets angetan von der Liebenswürdigkeit und Großzügigkeit, die Krafft Ehrickes langes Arbeitsleben durchzog. Seine Arbeit bedeutete einen deutlichen Einschnitt in der Wissenschaft und Technik der Weltraumerforschung, und wir täten gut daran, seine Visionen zur Erkundung des Weltraums weiter zu verfolgen.
Geboren wurde Krafft Ehricke am 24. März 1917 in Berlin. Im Alter von 12 Jahren sah er Fritz Langs Film Frau im Mond, der ihn so beeindruckte, dass er ihn sich wohl ein Dutzend Mal anschaute. Der Film brachte ihm eine „technologische Erleuchtung“ und sollte seinem weiteren Leben die Richtung weisen. „Vor dem Weihnachtsfest 1929 überreichte Krafft seiner Mutter einen Wunschzettel – Bücher über Astronomie, Flugmechanik und Antriebstechnik.“((Thomas 1960, S. 2.))
Später hörte er von den Aktivitäten des Vereins für Raumschiffahrt in Berlin. Da er erst 14 Jahre alt war, konnte er noch nicht Mitglied werden. „Ich stand einfach herum“, erinnerte sich Ehricke. „Ich war äusserst interessiert, aber das war auch alles, was ich beitragen konnte.“ Deshalb begann er zu lesen und zu studieren, entwarf Raumschiffmodelle und schrieb Artikel für technische Zeitschriften.((Chapman 1960, S. 169.))
Beide Eltern waren Zahnärzte. In ihrer Praxis fand Krafft das nötige Material und Werkzeug, um sich zerfurchte, mit Kratern übersäte Mondlandschaften zu formen. In den Schriften des belgischen Physikers Josef Antoine Plateau lernte er, „wie man in einer Flüssigkeit eine Kugel erzeugt. Er goß Öl ins Wasser und setzte es mit Hilfe einer Stricknadel in Drehung, bis sich das Öl im Wasser zu einer Kugel formte. Wenn er nun das Öl schneller drehte, spalteten sich kleine Kugeln ab; genau so könnte sich während der Erdgeschichte unser Mond gebildet haben.“((Thomas 1960, S. 3.))
