Dr. Paul Heylandt (links) neben Max Valier mit ihrem Raketenauto bei Berlin. Bei einem fehlgeschlagenen Test mit einem Raketenmotor, den Valier zusammen mit Walter Riedel entwickelt hatte, kam Valier am 17. Mai 1930 ums Leben. Bild: Deutsches Museum, München

„Die Schlacht der vielen Formeln“

Willy Ley nannte die Jahre, die der Veröffentlichung von Hermann Oberths Buch Die Rakete zu den Planetenräumen folgten, „die Schlacht der vielen Formeln“.((Ley 1957a, S. 108.)) Oberth war fest entschlossen, seine Ideen auch zu verwirklichen. Er trug sie in die breite Öffentlichkeit, setzte sich mit seinen Kritikern auseinander, stritt gegen die Vorurteile aus den Reihen der anerkannten Wissenschaft und suchte nach Wegen, andere an seinen Forschungen zu beteiligen. Mit Experimenten und Lehrveranstaltungen machte der 1927 gegründete Verein für Raumschiffahrt bald von sich reden. Und nach seinem Vorbild bildeten sich in dieser Zeit ähnliche Vereine in ganz Europa, in den Vereinigten Staaten und vereinzelt sogar in Asien und Lateinamerika.

Den deutschen Raketenforscheramateuren der ersten Stunde mangelte es nicht an Tatkraft und Optimismus, sondern vor allem an Geld und Ausrüstung. Ihr Optimismus lag in der Methode und der Tradition begründet, mit der in Deutschland Wissenschaft betrieben wurde. Die Kultur, aus der sie stammten, hatte die verheerende Weltwirtschaftskrise und die damit einhergehende Not überdauert und ließ sich zunächst auch durch Hitlers Aufstieg zur Macht nicht brechen.

Hermann Oberths wichtigste Schaffensperiode fiel in eine Zeit, als Deutschland von einem tiefen politischen Umbruch erfasst wurde. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg sollte mit dem Versailler Vertrag sichergestellt werden, dass Deutschland als wirtschaftliche Konkurrenzmacht ausschied. Doch der Versuch, Deutschland zu entindustrialisieren – ein Ziel, das die britische Geopolitik schon seit dem 19. Jahrhundert verfolgte – konnte keinen dauerhaften Frieden bringen. Das zeigten schon die Ereignisse des Jahres 1923. Nach den Bestimmungen des Versailler Vertrags wurden 7 Millionen Deutsche umgesiedelt und ein Achtel Deutschlands abgetrennt. Dazu gehörte auch das Kohlerevier an der Saar, das dem Völkerbund unterstellt wurde. Die dicht bevölkerte Industrieregion Oberschlesien, reich an Kohle und Eisenerz, musste teilweise an Polen abgetreten werden.

Der Versailler Vertrag lieferte den Rahmen, um so viele deutsche Industrieanlage wie nur irgend möglich zu demontieren und Deutschland finanziell und materiell zu ruinieren. Die Kommission für Reparationszahlungen legte fest, dass Deutschland bis zum 1. Mai 1921 1 Milliarde Pfund Sterling zu zahlen hatte. Die Gesamthaftung wurde auf 6,6 Milliarden Pfund festgelegt. Die Raten sollten jährlich 100 Millionen Pfund und zusätzlich ein Viertel des deutschen Warenexports betragen. Bei Zahlungsverzug sollten die Alliierten Truppen Deutschland besetzen.

Über die saarländischen Gruben hinaus musste Deutschland Frankreich noch 10 Jahre lang jährlich 7 Millionen Tonnen Kohle liefern. Belgien sollte jährlich 8 Millionen Tonnen Kohle erhalten, und selbst Italien war umsonst zu beliefern.

Zur Begleichung der Geldzahlungen – die Industrie, die Überschüsse erwirtschaften könnte, war weitgehend stillgelegt worden – druckte die deutsche Regierung mehr Papiergeld. Das führte im Zusammenhang mit anderen widrigen Umständen schließlich zur Währungskrise. Im Dezember 1922 verfehlte die deutsche Regierung die Zahlungsfrist um wenige Tage. Das nahmen die Franzosen zum Vorwand, um mit ihren Truppen ins Ruhrgebiet einzumarschieren. Sie wollten sich ihre „Produktivgarantien“, wie es hieß, sichern. Die Reaktion war ein Generalstreik. Diese Entwicklung stürzte Deutschland wirtschaftlich endgültig in den Ruin. Der größte Teil des Bergbaus und der Industrie lagen still. Die Folge war Hyperinflation und eine dramatische Verelendung weiter Teile der Bevölkerung.

Damit endete allerdings auch jede Möglichkeit für Reparationszahlungen, und die Alliierten einigten sich schließlich darauf, Deutschlands Zahlungsbelastung zu strecken. Im Dawes-Plan von 1924 lieferten die Siegermächte Deutschland den internationalen Großbanken als Geisel aus. Man errichtete ein komplexes System internationaler Anleihen, das Deutschland erlauben sollte, seine Reparationsleistungen auf Kredit zu zahlen. Die einsetzende Geldorgie täuschte einige Jahre „Wohlstand“ auf Pump vor. Schließlich zeigte der Börsenkrach an den Aktienmärkten 1929, dass das Kreditvolumen erschöpft war. Alle demokratischen Parteien und die verschiedenen Regierungen hatten mehr oder weniger bereitwillig für die Alliierten die Ausplünderung Deutschlands betrieben und waren so in misskredit geraten.

Die Franzosen waren gerade im Ruhrgebiet einmarschiert und Deutschland war den höchsten wirtschaftlichen und politischen Belastungen ausgesetzt, als die deutschen Raketenfreunde, angeregt von Oberths Ideen und Visionen, die Möglichkeiten der Raumfahrt zu erkunden versuchten.

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