Die meisten, die mit der Wahrheit über den verstorbenen Bertrand Russell nicht vertraut sind, glauben ernsthaft, der Enkel des britischen Premierministers Lord John Russell sei ein friedliebender Zeitgenosse. Sie können sich entweder nicht mehr daran erinnern oder übersehen einfach die Tatsache, dass es Bertrand Russell war, der damals zwischen 1946 und 1949 versuchte, Großbritannien, die Vereinigten Staaten, Frankreich und andere Länder für einen „präventiven Atomkrieg“ zu gewinnen. Russell setzte sich nicht nur für einen solchen Krieg ein; beinahe hätte er mit seinen Plänen sogar Erfolg gehabt. In den Vereinigten Staaten und Großbritannien existierte bereits ein entsprechender Kriegsplan mit dem Namen „Operation Dropshot“, der für die zweite Hälfte der fünfziger Jahre einen Atomkrieg vorsah.

Nicht auf Grund von Gewissensbissen auf Russells Seite wurde ein „präventiver Atomkrieg“ gegen die Sowjetunion verworfen. Als die Sowjetunion etwa 1949, „zehn Jahre früher als erwartet“, eine Atombombe entwickelte und auch etwa zur gleichen Zeit wie die Gruppe um Dr. Edward Teller in den Vereinigten Staaten eine einsatzbereite Wasserstoffbombe baute, war die Vorstellung eines „Präventivschlags“ – bei dem nur eine Seite Atomwaffen hätte – nicht mehr möglich. Russell verlegte sich nun wieder auf die Rolle des Pazifisten und organisierte in den 1950er Jahren seine internationale „Ban the Bomb“-Bewegung.

Dennoch wurde die langfristige Politik, die Russell zu seinen „präventiven Atomkriegsplänen“ motivierte, als strategische Doktrin unter anderen Namen fortgesetzt – als nukleare Abschreckung, garantierte gegenseitige Zerstörung (Mutually Assured Destruction), begrenzter Atomkrieg, nukleare Vorneverteidigung, flexible Antwort und Detente. Diese strategische Doktrin führte dazu, dass die Welt zwischen 1964 und 1966 in eine neumalthusianische Phase eintrat.

Es begann im Oktober 1946 mit einem Artikel von Bertrand Russell im Bulletin of the Atomic Scientists. Die Wurzeln des Russellschen Denkens dieser Zeit reichen tief in seine eigene Vergangenheit, noch tiefer in die Bereiche britischer Geschichte, die wir im vorigen Kapitel kurz genannt haben, und gehen im Grunde bis auf jene Zeit zurück, als die Bewohner Großbritanniens, wie überliefert ist, in Stonehenge Menschenopfer zelebrierten. Vorerst wollen wir die Geschichte vor 1964 auf sich beruhen lassen, um uns näher mit den unmittelbaren Tatsachen der Nachkriegszeit zu beschäftigen.

Immer wieder vertrat Russell die Meinung, mit der Entwicklung von Atomwaffen sei eine Situation entstanden, in der eine Weltregierung notwendig geworden sei, die ein Monopol über Besitz und Einsatz solcher Waffen ausübte. Sein Vorschlag eines „präventiven Atomkriegs“ gegen die Sowjetunion war nur eine Folgerung aus seiner Idee einer Weltregierung. Um eine Weltregierung mit einem Atomwaffenmonopol zu schaffen, so argumentierte er, sei es unumgänglich, die Sowjetunion zu besiegen, bevor sie solche Waffen selbst entwickeln könnte. Sobald das westliche Bündnis sein Atomwaffenarsenal soweit aufgestockt hätte, dass ein entscheidender Angriff gegen die landgestützten und anderen „konventionellen“ Streitkräfte der Sowjetunion geführt werden könnte, sollte der Krieg beginnen. Nach einem erfolgreichen präventiven Atomkrieg könnten die siegreichen alliierten Streitkräfte die geplante Weltregierung errichten.

Um seine Vorstellungen durchzusetzen, gründete Russell die World Association of Parlamentarians for World Government (WAPWG), die Internationale Parlamentariervereinigung für eine Weltregierung. An ihrer Konferenz im Jahre 1955 nahmen auch vier sowjetische Vertreter teil. Zwei von ihnen tauchten später als Teilnehmer einer weiteren Konferenzserie auf, die als Pugwash-Konferenzen bekannt wurden. Russell ließ damals sein Ziel einer Weltregierung nicht fallen; wie die Pugwash-Konferenzen verdeutlichten, erschien es in verwandelter Form immer wieder. Die WAPWG verschwand nach 1955 in der Versenkung; an ihre Stelle trat die Pugwash-Konferenz.

Erste wichtige Entwicklungen im Rahmen von Pugwash ereigneten sich auf der zweiten Pugwash-Konferenz in Quebec, Kanada, 1958. Der wichtigste Tagesordnungspunkt auf dieser Sitzung im Jahre 1958 war eine Rede zum Thema „Wie mit der Bombe leben – und überleben“ von Dr. Leó Szilárd, einem alten Atomwissenschaftler von der Universität Chikago. Von österreichisch-ungarischer Herkunft – eine Tatsache, der allein schon einige Bedeutung zukommt — hatte Szilárd einen Teil seines Lebens in der Emigration in Großbritannien zugebracht, bevor es ihn später in die Vereinigten Staaten zog. Diese Rede Szilárds aus dem Jahre 1958, später in einer Ausgabe des Bulletin of the Atomic Scientists 1966 veröffentlicht, lieferte die Anregung zu dem bekannten Film „Dr. Seltsam“ mit dem britischen Schauspieler Peter Sellers, der Leó Szilárd als „Dr. Seltsam“ karikiert.

Leó Szilárd.

Szilárd erarbeitete in seiner Rede folgende Strategie: 1. Den Weltfrieden mit dem gegenseitig angedrohten Einsatz von Atomwaffen zu sichern, so dass keine der Supermächte es wagen würde, als erste einen allgemeinen Krieg zu entfesseln. 2. Die Möglichkeit des begrenzten Atomkriegs als Ventil zur Minderung von Spannungen und um zu vermeiden, dass sich Spannungen zum totalen Atomkrieg ausweiten. 3. Die Bereitschaft etwa der Vereinigten Staaten, den Sowjets notfalls zuzugestehen, eine zuvor ausgewählte amerikanische Stadt thermonuklear zu vernichten, um so Schäden auszugleichen, die die Sowjets in regional begrenzten Kriegen erlitten. 4. Eine allgemeine Ölkrise im Nahen Osten, die zur völligen Zerstörung dieser Region führen würde.

Alles, was Szilárd darlegte, wurde im Laufe der sechziger Jahre zur offiziellen Politik der USA und des Nato-Bündnisses. Gleiches galt auch für andere Pugwash-Konferenzen. Generell wurden die auf den Sitzungen der Pugwash-Konferenzen in den sechziger und siebziger Jahren präsentierten Vorstellungen wenig später zu strategischen und außenpolitischen Doktrinen der USA und der Nato.

Wir sollten uns die Pugwash-Konferenzen etwas genauer betrachten. Hier trafen sich regelmäßig Vertreter der Sowjetunion, Großbritanniens und des amerikanischen Ostküsten-Establishments und handelten militärstrategische und außenpolitische Übereinkommen aus, die dann später von Leuten wie Robert S. McNamara, McGeorge Bundy und Henry A. Kissinger den Regierungen der Vereinigten Staaten und der Nato-Länder aufgezwungen wurden.

Solche Verhandlungen zwischen Vertretern angloamerikanischer und sowjetischer Interessen „hinter den Kulissen“ sind an sich weder gut noch schlecht. Private Kontakte dieser Art könnten oder sind sogar manchmal sehr nützlich für Diskussionen, die unter offiziellen, diplomatischen Vorzeichen nicht stattfinden könnten.

Die Pugwash-Konferenz war allerdings kein gewöhnlicher Diskussionsprozess „hinter den Kulissen“. Hier handelten private Interessen des angloamerikanischen Establishments mit der sowjetischen Regierung hinter dem Rücken der Regierung der Vereinigten Staaten die Zukunft der Welt aus. Tatsächlich war die sowjetische Regierung aktiv daran beteiligt, die amerikanische Verteidigungs- und Außenpolitik zu diskutieren, ohne dass die betroffenen US-Regierungen dies wussten. Ja, die auf den Pugwash-Konferenzen erarbeitete Politik wurde ihnen noch als geschickter Schachzug verkauft, mit dem sowjetische Interessen durchkreuzt werden könnten.

Der besondere Charakter der Pugwash-Verhandlungen erklärt sich auch noch aus anderen Aspekten. Bestimmte Verhandlungsinhalte sollte kein amerikanischer Präsident durchschauen — oder erst, wenn es schon zu spät war. Das langfristige Ziel der Pugwash-Konferenzen war die Errichtung einer Weltregierung. Leó Szilárd hatte solches bereits in seiner Rede 1958 empfohlen; nach seinen Vorstellungen sollte die nukleare Abschreckung zu einer Neugestaltung der politischen Weltkarte führen, ein Unterfangen, das der britische Lord Peter Carrington als „neues Jalta“ bezeichnet hat.

Das berührt jedoch nur die Oberfläche der Angelegenheit. In Wirklichkeit wurde über die Errichtung eines Weltregierungssystems verhandelt, in dem die gesamte Welt in zwei oder möglicherweise drei Weltreiche aufgeteilt wird, abhängig davon, ob China eine eigene Einflusssphäre über angrenzende Gebiete wie Japan, Südostasien und vielleicht Teile Indiens zugestanden wird. Den Sonderfall China einmal ausgenommen, würde die übrige Welt in ein westliches und in ein östliches Reich zerfallen, das eine beherrscht von den reichen Grund-und-Boden-Familien des Westens, das andere vom russischen Reich des Ostens.

Eine solche Vorstellung hat in der europäischen Geschichte einen mehr oder minder ähnlichen Vorläufer. Es existieren Briefe aus der Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr., die belegen, dass das Perserreich in zwei Teile aufgeteilt werden sollte. Die Grenze zwischen den beiden Teilen sollte der Euphrat bilden, so dass entsprechend Anatolien in einen westlichen und einen östlichen Teil zerfiele. Das bestehende Perserreich der Achämeniden sollte die Gebiete östlich des Euphrat und einen entsprechenden Ostteil Anatoliens behalten. Ein Westteil des Perserreichs, das der Erbherrschaft König Philipps von Makedonien unterstellt wäre, sollte westlich dieser Trennungslinie aufgebaut werden. Teil der Abmachung war, dass Philipp dem Westteil ein politisches, soziales und wirtschaftliches System aufzwingen würde, das in den Überlieferungen manchmal als „persisches Modell“ und an anderer Stelle als „oligarchisches Modell“ beschrieben wird; beide Begriffe haben dieselbe Bedeutung und werden recht ausführlich von einem an dieser Verschwörung maßgeblich beteiligten Agenten, nämlich Aristoteles, in seiner Politik und seiner Nikomachischen Ethik beschrieben.

Der Plan selbst stammte von den eigentlichen Herrschern des Persischen Reichs, den Rentierfinanziers und der heidnischen Priesterschaft, die bis auf den heutigen Tag als „Chaldäer“, aber auch als „Magier“, „Phönizier“ und im Ostteil des Nahen Ostens als „Mobeds“ bekannt sind. Ihr Hauptzentrum war die phönizische Stadt Tyros. Außer ihrem Pakt mit König Philipp standen sie hinter dem Apollokult in Delphi und Delos und hatten den griechischen Stadtstaat Theben und die wichtigsten Gruppierungen in Sparta und Athen völlig in ihrer Hand — auf die gleiche Art und Weise wie Lord Shelburne 1784 das britische Parlament.

Verschiedene Gründe hatten diesen Plan entstehen lassen. Erstens hatte das Persische Reich trotz Bestechung, trotz des Peloponnesischen Krieges usw. nie das griechische Festland erobern können; die persischen Methoden waren für das griechische Militärsystem keine Herausforderung. Zudem wurden die Randgebiete des Persischen Reichs immer unstabiler, die Satrapien befanden sich in einer permanenten Revolte. Hierfür gibt es zahlreiche Gründe, deren genaue Besprechung für den Zweck der Diskussion hier nicht von Belang sind.

Wichtig jedoch ist, dass das Komplott durch die siegreichen Feldzüge Alexanders des Großen vereitelt wurde. Leider konnten Aristoteles und andere durch die Ermordung Alexanders verhindern, dass er die in seinem sogenannten „Testament“ festgelegten Vorhaben ausführen konnte. Der vorzeitige Tod Alexanders machte, wenn auch etwa drei Jahrhunderte später, das Römische Reich möglich.

1. Alexandria bei Ilion (Planung); 2. Alexandria bei Issos (Alexandrette); 3. Alexandria in Ägypten; 4. Alexandria in der Areia (Herât); 5. Alexandria Prophthasia (Farah?); 6. Alexandria in Arochesien (Kandahar); 7. Alexandria in Arochesien (Ghazni) 8. mehrere Städte im Paropamisos-Gebiet; 9. Nikaia am Kabul; 10. Bhaktra; 11. Alexandria am Oxus (Tarmita), dazu mehrere Städte in Baktrien (zum Beispiel Ai Chnoum) und der Sogdiana; 12. Alexandria am Jaxartes (Chodjent); 13. Bukephala; 14. Nikaia; 15. Alexandria am Akesines (Jomousa); 15 a. Alexandria an der Akesinesmündung; 15 b. Alexandria im Sogdergebiet; 16. Pattalas, dazu mehrere Hafenplätze im Mündungsgebiet des Indus; 17. Alexandria in Makrân; 18. Alexandria im Oreitengebiet; 19. Alexandria in Karmanien (Gulaschkird); 20. Alexandria in der Susiana (Spanisu Charax); 21. Alexandria in Babylonien; 22. Mehrere Städte im Gebiet der unterworfenen Kossâer; 23. Hafenplanungen am Kaspischen Meer; 24. Alexandria Margiana (Merw) mit mehreren weiteren Siedlungen; 25. Herakleia bei Rhagai; 26. Siedlungen in Medien; 27. Alexandria bei Arbela.

Kurz bevor König Philipp von Makedonien seinen Teil des Planes erfüllen konnte, wurde er ermordet. Mit Unterstützung der Athener Akademie und des cyrenäischen Ammontempels übernahm Alexander die Macht, zerstörte die Stadt Tyros und damit das gesamte Perserreich. Seine Feldzüge haben, trotz seines frühen Todes, die Institutionen des Persischen Reiches so geschwächt, dass es etwa 250 Jahre dauerte, bis die Chaldäer erneut ein ähnliches Projekt in Angriff nehmen konnten.

Das chaldäische Modell eines oligarchischen „Reichs“ taucht wiederholt in der Geschichte auf. Es ist älter als Babylon. Politisch ist es eine Ansammlung lokal begrenzter, halbautonomer Gebilde ohne jede Macht, die sich jeweils nur durch ethnische, religiöse oder beide Merkmale voneinander unterscheiden. Gewöhnlich unterstehen mehrere solcher lokalen, kulturell halbautonomen Einheiten einer Oberherrschaft nach Vorbild einer imperialen persischen Satrapie. An der Spitze sitzt eine „Nationalität“, etwa die Assyrer, die Babylonier, die Meder, die Perser, die Phönizier oder Römer, und übt die militärische Oberhoheit aus. Die wirklichen Drahtzieher sind jedoch „Familiensyndikate“, wie bei den Chaldäern oder den Phöniziern, „Familien“, die einerseits selbst Rentierfinanziers nach dem „venezianischen Modell“ sind und gleichzeitig über die Familie die Priesterschaft kontrollieren.

Das Persische Reich, das Römische Reich, das Byzantinische, das Osmanische, das Österreich-Ungarische und das Russische Reich hatten diese Form.

Die augustinischen Strömungen der westeuropäischen Christenheit von Karl dem Großen bis zu Kaiser Friedrich von Hohenstaufen traten der aus Byzanz drohenden Gefahr für die Zivilisation entgegen, indem sie sich die Autorität des alten Römischen Reichs zu eigen machten und diese mit dem kulturellen Gedankengut des von Augustinus beeinflussten nicäischen Glaubensbekenntnisses erfüllten. Das Aufkommen der Inquisition in der Zeit von 1230–33 und der Tod Friedrichs II. 1250 machten die Pläne Karls des Großen zunichte. 1268 wurde der letzte Staufer in Neapel hingerichtet. In Italien regte sich zwar Widerstand in Form der Kämpfe zwischen den weißen, republikanischen und den schwarzen, oligarchischen Welfen, doch die schwarzen Welfen (heute als „Schwarzer Adel“ bekannt) behielten die Oberhand, und die Fondi Italiens, vertreten durch lombardische Bankhäuser wie die Bardi und Peruzzi, überzogen das geschlagene Europa mit Wucher.

Dante Alighieri, politischer Führer der weißen Welfen und Verbündeter der Staufer, schuf einen großen Entwurf für eine neue politische Ordnung in Europa, um die imperialen Herrschaftsformen Karls des Großen, der Salier und Hohenstaufen zu ersetzen. Im Mittelpunkt des Entwurfs stand eine neuplatonische Ordnung im Sinne Augustinus‘. Die in der Divina Commedia entwickelten Prinzipien waren an sich nicht neu; sie spielten bereits bei Platon und Augustinus eine zentrale Rolle. Neu jedoch war Dantes Behandlung der italienischen Sprache und sein Entwurf für ein Nationalstaatssystem, wie es in seiner Schrift De monarchia angedeutet ist.

Entgegen dem Anfang des 19. Jahrhunderts entstandenen Mythos stammt die italienische Sprache nicht vom Lateinischen ab. Italienisch und Lateinisch sind zwei recht unterschiedliche Sprachen, auch wenn sie sich über zweitausend Jahre hinweg erheblich gegenseitig beeinflussten. Die Latiner Roms unterwarfen ein italienisch sprechendes Volk, das in Italien weiterhin die Mehrheit bildete, was sich auch in der Tatsache reflektiert, dass das Spanische und Französische überwiegend vom Italienischen und nicht vom Lateinischen abstammt — im Gegensatz zum Neuhochdeutschen, das als halbe Kunstsprache weitaus mehr latinisiert ist als jede romanische Sprache.

Dante hatte nichts gegen das Latein als solches. Durch hellenische Einflüsse waren die Römer zivilisiert worden, und die Kirche des Mittelalters vor Mitte des 13. Jahrhunderts hatte in dieser verbesserten Sprache eine schöne und manchmal tiefgründige Literatur hervorgebracht. Das Problem war, dass der Gebrauch des Lateinischen als Verwaltungssprache des Römischen Reiches dazu führte, dass die einheimischen Sprachformen zu rohen Dialekten degradierten. Den meisten Bevölkerungskreisen fehlte einfach eine Sprache, um sich über bedeutsame politische Fragen eindeutig zu verständigen. Das Italienische, so bewies Dante, war ursprünglich eine ausdrucksstarke Sprache, mit der man nicht nur Schönheit, sondern auch große Tiefe ausdrücken konnte; er schuf ein Italienisch, das in Schönheit und Ausdruckskraft bis auf den heutigen Tag unübertroffen ist. Durch systematische öffentliche Lesungen von Auszügen der Commedia insbesondere im 15. Jahrhundert lernte die italienische Bevölkerung, Italienisch zu sprechen und zu denken.

Um eine wirkliche Republik zu errichten, in der jeder Erwachsene fähig wäre, die Funktionen eines Bürgers auszuüben und gemeinsam die wichtigsten staatspolitischen Fragen zu erörtern, war es nötig, dass die Bürger dieser Republik eine gemeinsame Bildungssprache beherrschten. Deshalb sollten Völker, die eine gemeinsame Bildungssprache und die philosophische Weltanschauung des Republikanismus teilen, souveräne nationalstaatliche Republiken auf Grundlage dieser Bildungssprache bilden.

Dantes Schriften wurden zum Ausgangspunkt einer breitangelegten Verschwörung, die selbst in die dunkelsten Ecken des 14. Jahrhunderts hineinreichte. Petrarca wurde für diese Verschwörung gewonnen, von Avignon aus stellte er sich an ihre Spitze. Der Aufstieg augustinischer Lehrorden wie Grootes Brüder vom Gemeinsamen Leben legte den Boden für die Renaissance, die gegen Ende des 14. Jahrhunderts Gestalt annahm und deren buchstäbliche Krönung Brunelleschis Vollendung der Kuppel des Florenzer Doms war. Kardinal Nikolaus von Kues half dem geschlagenen Papsttum aus den Trümmern und erreichte es schließlich, dass sein Mitstreiter Piccolomini Papst Pius II. wurde. Nikolaus von Kues vollendete, was Dante begonnen hatte. In De concordantia catholica und seinen folgenden Werken schuf Kues bis heute gültige Prinzipien des nationalstaatlichen Rechts und der Beziehungen zwischen souveränen Nationalstaaten. Auf ihn geht auch die Revolution in der mathematischen Physik zurück, die die letzten fünfhundert Jahre der europäischen Zivilisation beherrschte.

Nikolaus von Kues.

Inmitten von all dem stand Kues an der Spitze von Bemühungen, die Kräfte Venedigs und Byzanz‘ ein für allemal auszuschalten. Höhepunkt war das Florenzer Konzil von 1439, auf dem die Paläologen Konstantinopels und die Kreise um Cosimo de Medici, Kues und Kardinal Bessarion versuchten, das augustinische Prinzip des Filioque als gemeinsamen, ökumenischen Grundsatz von West- wie Ostkirche einzuführen. Es gelang ihnen fast.

Dies scheint alles längst vergangene Geschichte zu sein. Doch den Kräften hinter Bertrand Russell und seinem Projekt einer Weltregierung ist sie hinlänglich bekannt. Man kann ihr Handeln in den letzten 38 Jahren nur verstehen, wenn man diese Zeitepoche und ihre Bedeutung kennt.

Gegen Mitte des 15. Jahrhunderts hatten sich die Fondi des Schwarzen Adels von der Bankrottwelle der großen Bankhäuser Bardi und Peruzzi im vorangegangenen Jahrhundert einigermaßen erholt. Sie wählten das Florenzer Konzil zur Zielscheibe und gewannen dabei eine entscheidende Schlacht, mit der sie ihre Macht in Europa bis zum heutigen Tag zurückeroberten. Diese Schlacht war die Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahre 1453.

Die Verschwörung gegen die Paläologen Konstantinopels stand unter venezianischer Leitung und fand Kollaborateure unter den alten genuesischen und römischen Geschlechtern, deren Familientraditionen auf die Cäsaren zurückgingen, sowie unter Teilen der vom Berg Athos gesteuerten byzantinischen Kirche. Venedig schloss mit den osmanischen Türken einen Pakt gegen die Paläologen, wobei den Osmanen Konstantinopel und große Teile des übrigen Byzantinischen Reiches zufielen. In der byzantinischen Kirche vom Berg Athos sorgte der geschickte Gennadios dafür, dass kein Grieche für die Verteidigung Konstantinopels einen Finger rührte. Die Venezianer und die römischen Familien versorgten die Türken mit Artillerie und Schützen. 4000 genuesische Söldner, die angeworben worden waren, um Konstantinopel zu verteidigen, überwältigten des Nachts die Wachen auf den Mauern und an den Toren und ermöglichten es den osmanischen Truppen, die Stadt zu besetzen und zu plündern.

Kloster St. Dionysius am Berg Athos. Bild: Wikipedia/Fingalo

Als Gegenleistung überließ der osmanische Herrscher Mehmed der Eroberer dem bald darauf zum Patriarchen ernannten Gennadios die Kontrolle über die nichtislamischen Bevölkerungsgruppen im Osmanenreich. Venedig wurde ein erheblicher Teil der eroberten griechischen Gebiete zugeschoben, und Venezianer gelangten in die mächtige Position der Dragomanen, die praktisch mit dem geheimen und diplomatischen Dienst der Türken identisch waren. Venedig schuf und kontrollierte das Osmanische Reich von innen.

Zur gleichen Zeit gelang es Genua in Spanien, wo Isabella und Ferdinand an die Macht gekommen waren, Isabella für sich zu gewinnen und mit ihr, trotz anhaltenden Widerstands von Ferdinand, große Teile der Iberischen Halbinsel zu vereinnahmen. Während im Osten die Paläologen, die Verbündeten der italienischen Goldenen Renaissance, den Türken zum Opfer fielen und im Westen spanische Truppen drohten, führte Venedig den entscheidenden Schlag gegen die Goldene Renaissance in Italien selbst. Mit dem Tode Cesare Borgias, des Heerführers, der Leonardo da Vincis letzter Trumpf zur Verteidigung Italiens war, gewann Venedig schließlich Kontrolle über ganz Italien.

Gleichzeitig eroberte es Bayern und legte die Anfänge für das spätere Österreich-Ungarn, womit die vorrückenden Türken in Schach gehalten werden sollten. Venedig steuerte die Habsburger wie die Türken von innen her und manipulierte beide, indem es sie gegeneinander ausspielte. Dieses Spiel auf dem Balkan dauerte bis zum Ersten Weltkrieg an, in dem Venedig unter Führung von Graf Volpi di Misurata seine langgehegten Pläne zur Vernichtung beider Reiche sowie des Russischen Reiches und Deutschlands in Erfüllung gehen sah. Doch dann gelang es W. I. Lenin, der von Venedigs Agenten Alexander Helphand (Parvus) als vermeintlicher Gewährsmann nach Russland geschickt worden war, seine Auftraggeber mit der Oktoberrevolution von 1917 zu überlisten. Mit der Festigung der bolschewistischen Macht schuf Lenin in Russland Bedingungen, die die Venezianer veranlassten, das gleiche Spiel wie im Ersten Weltkrieg in leicht abgewandelter Form als Zweiten Weltkrieg noch einmal durchzuexerzieren.

Inzwischen erlitten die venezianischen Pläne in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts mit der Gründung des ersten modernen souveränen Nationalstaats durch den französischen König Ludwig XI. einen schweren Rückschlag. Der Erfolg Ludwigs XI. schuf Bedingungen, unter denen die als englische Erasmier bekannt gewordene Gruppierung um Sir Thomas Morus im vom Bürgerkrieg zerrütteten England den zweiten souveränen Nationalstaat gründete. Von diesem Zeitpunkt an war die Auslöschung dieser beiden souveränen Nationalstaaten bis zum Wiener Kongress 1815 das gemeinsame Ziel Venedigs und Genuas. England wurde 1603 erobert und 1660 von Genua zurückgewonnen. Frankreich konnte zwar durch den Wiener Kongress nicht zerstört werden, doch es wurde innerlich so geschwächt, dass es nie mehr zu seiner früheren Stärke aufsteigen konnte.

Die venezianische Hand hinter den deutschen Bauernkriegen und der Abschlachtung der Bauern in den Jahren 1525-28, die venezianisch inszenierte Reformation in Deutschland, die Kontrolle Karls V. über den spanischen Thron und die Plünderung Roms auf Geheiß Venedigs 1527 gaben Venedig Macht über ganz Europa, ausgenommen Frankreich und England. Das Papsttum von Kues und Pius II. wurde zerschlagen, und Venedig organisierte die Gegenreformation, wobei die Jesuiten und der Malteserorden als wichtigste Instrumente dienten. Ein Alptraum, ein neues finsteres Zeitalter senkte sich auf große Teile Europas, bis es dem päpstlichen Vertrauten Kardinal Mazarin gelang, 1653 die Macht der spanischen Habsburger zu brechen.

Um die Gegenreformation zu verstehen, muss man sich deren wesentliche Züge vergegenwärtigen. Sie war ein Feldzug gegen alles, was Kardinal Nikolaus von Kues und die Päpste des 15. Jahrhunderts erreicht hatten: den souveränen Nationalstaat, Kues‘ Naturrechtslehre und die mit ihr entstandenen wissenschaftlichen Strömungen sowie die augustinische (neuplatonische) Theologie. Die geistigen Waffen der Gegenreformation waren hauptsächlich Aristoteles und das Römische Recht.

Dieses venezianische Kulturverständnis wurde auch Großbritannien auferlegt. Während des 18. Jahrhunderts drehte sich die langfristige politische Diskussion der britischen Führungskreise um Fragen des Römischen Rechts und der römischen Geschichte. Gibbons‘ Abhandlungen sind die bekanntesten dieser Studien. Während des 19. Jahrhunderts führte Venedigs Einfluss auf die Familie Acton und auf Bulwer-Lytton zu den Oxfordkreisen Benjamin Jowetts und John Ruskins sowie zur Gründung der Präraffaeliten. Die Fabian Society, der britische Gildensozialismus und Lord Alfred Milners Coefficients, Round Table und Chatham House waren Ausdruck dieses Prozesses. Bertrand Russell, Enkel des Premierministers Lord John Russell und Patensohn John Stuart Mills, verkörperte in konzentrierter Form diese im 19. Jahrhundert entstandene Geisteshaltung. (Anmerkung d. Red.: Die folgenden Absätze mit Zitaten von Russell und Wells sind in der deutschen Ausgabe von 1983 nicht enthalten.)

Russell bewies die Eigentümlichkeit seines Denkens in der Art und Weise, wie er 1902 aus Milners Coefficients-Kreis ausstieg. Als er das Treffen im Restaurant verließ, war der Trend der Diskussion, dass man sich auf den unvermeidlichen allgemeinen Krieg vorbereiten müsse. Die britische Industrie war für einen solchen Konflikt in keiner Weise gerüstet. Die britische Marine war veraltet und größtenteils versenkbar. Die Armee arbeitete immer noch mit der Salven-Taktik des Musketenfeuers. Und so weiter. Eine industrielle Mobilisierung und Umrüstung der Streitkräfte wurde als zwingend notwendig erachtet.

Russell hatte nie etwas gegen den Krieg als solchen einzuwenden. Einige Kostproben seiner Ansichten zu diesem Thema sind an dieser Stelle wohl unerlässlich.

Im Jahr 1952 schrieb er (in The Impact of Science on Society):

„Schlechte Zeiten, sagt man, seien außergewöhnlich und lassen sich mit außergewöhnlichen Methoden bewältigen. Auf die Zeit der Flitterwochen der Industrialisierung traf das mehr oder weniger zu, aber das wird nicht so bleiben, wenn nicht der Bevölkerungszuwachs enorm gesenkt wird… Die Kriege haben bisher keinen wesentlichen Einfluss auf diese Zunahme gehabt, sie hielt während beider Weltkriege unvermindert an… Der Krieg war in der Hinsicht … bisher enttäuschend, aber vielleicht ist der bakteriologische Krieg wirkungsvoller. Wenn sich in jeder Generation einmal der Schwarze Tod über die Welt ausbreiten könnte, dürften die Überlebenden fröhlich weiterzeugen, ohne die Welt allzu voll werden zu lassen… Die Zustände wären etwas unangenehm, aber was macht das schon? Wirklich hochgesinnten Menschen ist das Glück gleichgültig, besonders das anderer Leute.“ (Hervorhebungen vom Verfasser hinzugefügt)

1927 formulierte H. G. Wells, der Chef des britischen Auslandsgeheimdienstes im Ersten Weltkrieg, einen Vorschlag für eine „Offene Verschwörung“, in dem er seine Vorstellungen wie folgt zusammenfasste:

„1. Die umfassende Bestätigung, sowohl praktisch als auch theoretisch, des provisorischen Charakters der existierenden Regierungen und unserer Duldung dieser Regierungen;
2. Die Entschlossenheit, die Konflikte dieser Regierungen, ihren militanten Gebrauch von Personen und Eigentum und ihre Störungen bei der Errichtung eines Weltwirtschaftssystems mit allen verfügbaren Mitteln zu minimieren;
3. Die Entschlossenheit, das lokale oder nationale Privateigentum zumindest in den Bereichen Kredit, Transport und Grundnahrungsmittelproduktion durch ein verantwortliches Weltdirektorium zu ersetzen, das den gemeinsamen Zielen der Gattung dient;
4. Die praktische Anerkennung der Notwendigkeit weltweiter biologischer Kontrollen, z. B. der Bevölkerung und von Krankheiten;
5. Die Aufrechterhaltung eines Mindeststandards an individueller Freiheit und Wohlfahrt in der Welt;
6. Die oberste Pflicht, das individuelle Leben der Schaffung eines Weltdirektoriums unterzuordnen, das in der Lage ist, diese Aufgaben zu erfüllen und die allgemeine Entwicklung des Wissens, der Fähigkeiten und der Macht der Menschheit zu fördern…“

Worauf Russell antwortete: „Ich wüsste nichts, wem ich mehr zustimme.“

Aus der gleichen Zeit stammen die folgenden Bemerkungen Russells, die sich auf seine Interpretation von Wells‘ „Offener Verschwörung“ beziehen. (Anmerkung d. Red.: Die deutsche Ausgabe von 1983 fährt an dieser Stelle fort.)

„Sozialismus, insbesondere internationaler Sozialismus, ist als stabiles System nur denkbar, wenn die Bevölkerung gleichbleibend oder nahezu gleichbleibend ist. Ein leichter Anstieg mag noch durch Verbesserung der landwirtschaftlichen Methoden aufgefangen werden, doch eine rapide Steigerung muss am Ende die gesamte Bevölkerung ins Elend stürzen … Die weiße Weltbevölkerung wird bald nicht mehr ansteigen. Die Bevölkerung der asiatischen Rassen und noch mehr die der Neger wird erst noch zunehmen, bevor die Zuwachsraten genügend sinken, um ihre Zahl ohne Hilfe von Krieg und Seuchen stabil zu halten. … Bis dies eintritt, lassen sich die vom Sozialismus angestrebten Vorzüge nur partiell verwirklichen, und die weniger fruchtbaren Rassen werden sich gegen die fruchtbareren mit Methoden verteidigen müssen, die zwar abstoßend, aber notwendig sind.(Hervorhebungen vom Verfasser hinzugefügt)

Russell verließ Milners Coefficients nicht etwa, weil diese einen Krieg vorbereiteten, sondern weil sie vorhatten, mit Hilfe des industriellen Ausbaus das nationalstaatliche System zu retten. Somit handelte Russell durchaus folgerichtig, als er im Rahmen seiner Kampagne für eine Weltregierung gegen Ende des Zweiten Weltkriegs einen Atomschlag gegen die Sowjetunion forderte. Sein Pazifismus während des Ersten Weltkrieges, seine Zusammenarbeit mit Leuten wie Aldous Huxley bei der Gründung der Peace Pledge Union in den dreißiger Jahren und sein vermeintlicher Pazifismus der fünfziger und sechziger Jahre verfolgen immer ein Ziel: eine von der angelsächsischen Rasse geführte Weltregierung, die über ein Monopol von Machtmitteln verfügt, „die zwar abstoßend, aber notwendig sind“.

Viele teilten in den vergangenen dreißig bis vierzig Jahren die Meinungen Russells. Diese Zustimmung bildete die Grundlage der World Association of Parliamentarians for World Government (WAPWG) und jener Verhandlungen „hinter den Kulissen“, die als Pugwash-Konferenzen bekannt wurden.

Allerdings beschränkte die Zunahme der sowjetischen Atom- und Wasserstoffbombenarsenale die Möglichkeiten, mit der sowjetischen Führung über eine Weltregierung zu verhandeln, praktisch auf das Angebot, die Welt in zwei oder auch drei „Reiche“ aufzuteilen. Nicht dass die Personen, die diese Verhandlungen führten, tatsächlich Seite an Seite mit einer russisch beherrschten „Osthälfte“ des neuen Perserreichs leben wollten; schließlich kann man immer darauf hoffen, die Vereinbarungen zu brechen. Darauf verwies jüngst Henry Kissingers früherer Mentor und jetziger Geschäftspartner Lord Peter Carrington. Er schlägt zwar ein „neues Jalta-Abkommen“ mit der sowjetischen Regierung vor und behauptet, der neue KPdSU-Generalsekretär Jurij Andropow sei ein wertvoller Trumpf seiner Außenpolitik, versichert der Öffentlichkeit aber gleichzeitig, dass er die „Totenwache“ der Sowjetunion halte. Was Carrington unter „Totenwache“ versteht, ist durchaus kein Geheimnis. Es ist die allgemein erklärte Ansicht von Personen wie Kissinger, Zbigniew Brzeziński und vielen anderen aus diesem Kreis, dass dem „Sowjetreich“ ethnische und religiöse Unruhen bevorstehen, die ausgehend von den osteuropäischen Comecon-Staaten auf die Ukraine, den Kaukasus und schließlich auf die islamische Bevölkerung Zentralasiens übergreifen werden.

Was der sowjetische KGB von Carringtons Vorstellungen hält, werden wir an geeigneter Stelle berichten. Das amerikanische Ostküstenestablishment ist bereit, davon sollte man ausgehen, die Volkswirtschaften der Vereinigten Staaten, Westeuropas und der Entwicklungsländer zu ruinieren. Denn es hält an der Annahme fest, das „Sowjetreich“ werde von innen her zusammenbrechen, noch bevor die wirtschaftliche und militärische Schwäche des Westens soweit fortgeschritten ist, dass die Sowjets die Oberhand gewinnen könnten. Seit der Übergangsphase von 1964—68 ist es dem Ostküsten-Establishment und seinen Freunden in Westeuropa mit erstaunlichem Erfolg gelungen, den Westen von innen zu zerstören.

Wir werden im folgenden diesen Zerstörungsprozess des Westens untersuchen und uns anschließend den Problemen zuwenden, die Sowjetsekretär Andropow und seine Freunde in diesem Zusammenhang aufwerfen.

Die malthusianische Logik atomarer Abschreckung

Seit sie Anfang der sechziger Jahre eingeführt wurde, steht und fällt die strategische Doktrin der atomaren Abschreckung damit, dass keine Supermacht geeignete Mittel entwickelt, die anfliegende Atomraketen zerstören können, bevor diese im Zielgebiet explodieren. Somit erfüllte der von Henry Kissinger 1972 ausgehandelte Vertrag zur Begrenzung defensiver Raketenabwehrsysteme ein Hauptziel der Kräfte hinter der Pugwash-Konferenz. Dieser Versuch, den Bau defensiver Raketenabwehrsysteme zu verhindern, ist Kernpunkt der Doktrin der atomaren Abschreckung, wie Leo Szilard in seiner Pugwash-Rede 1958 Abschreckung definierte.

Wenn wirksame Systeme zur Raketenabwehr (ABM-Systeme) entwickelt werden, d. h. im wesentlichen Systeme auf der Grundlage von Laser- und ähnlichen Energiestrahlen, könnten die Kosten zur Zerstörung einer anfliegenden Atomrakete vielleicht um mehr als eine Größenordnung unter den Kosten für den Bau und Start dieser Rakete liegen. Wenn sich dann zwei Supermächte mit etwa gleicher Wirtschaftsstärke gegenüberstehen, kann die Macht, die über das Abwehrsystem verfügt, nahezu alle von der angreifenden Macht abgefeuerten Raketen zerstören, wonach der Angreifer dem Verteidiger praktisch hilflos ausgeliefert ist. Heute brauchen die Vereinigten Staaten wie die Sowjetunion etwa fünf Jahre, um ein ABM-System zu stationieren, mit dem bis zu 99 Prozent der vom Gegner abgefeuerten ballistischen Raketen sicher zerstört werden können. Ballistische Atomraketen verlieren in diesem Falle ihren Sinn, sind technisch „überholt“, und Szilards ganzem Entwurf der atomaren Abschreckung ist für immer der Boden entzogen.

Wenn jedoch die Pugwash-Vertreter beide Supermächte soweit manipulieren könnten, dass sie die Entwicklung von Abwehrsystemen bis auf sehr begrenzte Ausnahmen ächten, so dass etwa 50 Prozent oder mehr der abgefeuerten Atomraketen ihre Ziele zerstören würden, dann sind Atomraketen tatsächlich die überlegeneren Waffen. In diesem Fall, so argumentieren die Verfechter atomarer Abschreckung, würde die Supermacht, die einen allgemeinen Krieg beginnt, von der gegnerischen Supermacht durch atomaren Beschuss vernichtet. Das bedeute, so das Argument weiter, dass beide Supermächte in einem solchen Krieg weitgehend vernichtet werden würden. Mit anderen Worten: „garantierte gegenseitige Zerstörung“, die MAD-Doktrin.

Im Westen behaupten die Fürsprecher der MAD-Doktrin, d. h. der atomaren Abschreckung, dass die erste und die wahrscheinliche zweite Atomraketensalve beide Mächte so weitgehend zerstöre, dass keine mehr die wirtschaftlichen Reserven besäße, den Krieg über den Zeitpunkt des Beschusses hinaus fortzusetzen. Deshalb, so ihr Gedankengang weiter, sei es sinnlos, den Militärapparat zu unterhalten, der erst nach dem ersten Atomraketenbeschuss gebraucht werden würde, und deshalb gebe es keinen militärischen Grund, eine technisch fortschreitende und wachsende Wirtschaft zu behalten, die für eine volle „konventionelle“ Schlagkraft erforderlich ist. Solange die wirtschaftlich-technische Basis ausreicht, um die atomare Abschreckung aufrechtzuerhalten, könnten die Volkswirtschaften ohne weiteres technisch stagnieren und sogar auf einen Stand zurückfallen, auf dem „konventionelle“ Streitkräfte höchstens noch „lokale“ Kriege im Kolonialstil führen könnten.

Diese strategische Doktrin ist gültig, seit Lyndon B. Johnson Präsident der Vereinigten Staaten wurde; es ist die Doktrin McGeorge Bundys, Robert S. McNamaras, Henry Kissingers unter anderen. Sicherlich sahen sich diese Pugwash-Fanatiker des Ostküsten-Establishments gezwungen, zunächst einmal etwas zurückhaltend vorzugehen. Traditionelle Militärkreise sperrten sich so lauthals, wie es ihre Berufsehre zuließ; die Öffentlichkeit war nicht bereit, einen massiven Abbau der Verteidigungskraft und der Wirtschaftsstärke hinzunehmen, mindestens nicht so abrupt. Als zwischen 1964 und 1968 das US-Militär aufgrund des sich hinziehenden Vietnamkriegs immer unpopulärer wurde, wandelte sich die öffentliche Meinung erheblich. 1972—73 war mit der Festigung der „Entspannung“ mit der Sowjetunion das, was Szilard 1958 ausführte, bereits praktische Politik geworden, wenn in den dazwischenliegenden Jahren auch einige kleinere politische Anpassungen vorgenommen worden waren.

Als McGeorge Bundy 1966 als Chef von Johnsons Sicherheitsrat abgelöst und zum Präsidenten der Ford Foundation befördert wurde, waren die höchsten Regierungskreise bereits auf eine atomare Abschreckungsstrategie und neumalthusianische Politik festgelegt — eine Politik, welche die Vereinigten Staaten in eine „nachindustrielle Gesellschaft“ verwandeln sollte. Der erste große Schritt in diese Richtung war Johnsons Politik der „Great Society“ Mitte der sechziger Jahre. Hierzu war es auf folgende Weise gekommen.

Ungefähr 1927 legte Bertrand Russell sein Drei-Stufen-Programm zur Umwandlung der Gesellschaft insgesamt vor. Die erste Stufe war der Plan, jeden grundlegenden wissenschaftlichen Fortschritt zum Stillstand zu bringen. In der zweiten Phase sollten preiswerte Methoden entwickelt werden, um die Bevölkerung der besseren Kontrolle wegen unter Drogen zu setzen. Die dritte Stufe zielte darauf ab, die von Dante Alighieri in Gang gesetzte Sprachenrevolution rückgängig zu machen und die Umgangssprache dermaßen zu verstümmeln, dass die breite Bevölkerung sich nicht mehr klar und deutlich über profundere politische Fragen verständigen könne.

Nach Gründung der Peace Pledge Union in Britannien statteten Russell und sein Mitstreiter Aldous Huxley 1938 den Vereinigten Staaten erneut einen Besuch ab. Aldous Huxley kehrte nach Kalifornien zurück, wo er seine frühere Arbeit zur Verbreitung von Marihuana und hesychastischen heidnischen Kulten wieder aufnahm. Russell arbeitete nun eng mit Robert Hutchins, dem Präsidenten der Universität von Chikago, zusammen. Gemeinsam starteten Russell und Hutchins ein als „Vereinigung der Wissenschaften“ bekannt gewordenes Projekt, an dem auch Margaret Mead vom Amerikanischen Museum für Naturgeschichte und ihr damaliger Gatte Gregory Bateson beteiligt waren. Zu bestimmten Aufgaben zog Russell auch seine alten fabianischen Freunde aus der Zeit des Ersten Weltkriegs heran, so Karl Korsch, den Gehirnwäsche-Experten Kurt Lewin, den Radikalpositivisten Rudolf Carnap, der seit Anfang der dreißiger Jahre mit Korsch zusammenarbeitete, und viele andere. Sprachverstümmelnde Arten der „Linguistik“ tauchten an der Universität von Pennsylvanien auf. Jedoch dauerte es bis nach dem Zweiten Weltkrieg, ehe die Auswirkungen dieses Projekts in den Vereinigten Staaten spürbar wurden.

Während des Krieges wurde in einem schweizerischen Laboratorium ein abgewandeltes Molekül des Mutterkornalkaloids Ergotamin synthetisiert, das den Namen LSD-25 erhielt. Aufgrund der beim Einnehmenden erzeugten Symptome einer paranoid-schizophrenen Psychose fällt LSD-25 in die Kategorie der Psychotomimetika. Aldous Huxley ging vom Londoner Tavistock-Institut nach Kalifornien, wo er zusammen mit Gregory Bateson und anderen ein Projekt mit dem Namen MK-ULTRA einleitete. Dieses Projekt im kalifornischen Palo Alto, Hauptquartier der RAND-Corporation und des Stanford Research Institute, war ein experimentelles Pilotprogramm, um den Einsatz psychotroper Drogen, insbesondere LSD-25, sowie die Nützlichkeit solcher Drogen und ihrer Folgewirkungen für die Katalyse religiöser und anderer Kulte zu untersuchen.

Die RAND-Corporation und das Stanford Research Institute haben bekannte Vorläufer. RAND ist ein Ableger des Strategic Bombing Survey aus dem Zweiten Weltkrieg, eine Schöpfung der Abteilung für psychologische Kriegführung des britischen Geheimdienstes, der Londoner Tavistock-Klinik des Brigadegenerals Dr. John Rawlings Rees und Dr. Eric Trists. Hochrangige Mitarbeiter des Londoner Tavistock-Instituts überwachten die Anfangsphase von RAND nach dem Krieg. Das Stanford Research Institute, das ebenfalls von Tavistock abstammt, wurde zur Zentrale von Projekten, die sich auf H. G. Wells‘ Manifest der „Offenen Verschwörung“ von 1927 stützen.

Das kalifornische Projekt in Palo Alto stand mit einer Reihe von Institutionen aus dem Umkreis von Dr. Kurt Lewin in Verbindung, insbesondere dem Lewin-Zentrum am Massachusetts Institute of Technology (MIT), der Universität von Michigan und den National Training Laboratories; letztere sind die Koordinierungsstelle der National Education Association, einer Lehrervereinigung. Zu den Operationen am Lewin-Zentrum gehörten eine von Dr. Alex Bavelas geleitete RAND-Studie und die Tätigkeit von Professor Noam Chomsky, einem politischen Weggenossen Karl Korschs und Produkt des Russellschen Linguistikunterrichts an der Universität von Pennsylvania. Eine wichtige Koordinationsstelle für diese Projekte bildete die Macy Foundation des Josiah Macy jr., gegründet von einem Zweig der Quäkerfamilie Macy vom Kaufhauskonzern gleichen Namens. Für diese Stiftung arbeiteten Personen wie Gregory Bateson und Margaret Mead. Beim MIT beteiligte sich Chomsky u. a. an einem von Professor Marvin Minsky geleiteten Programm über sogenannte „künstliche Intelligenz“. Chomskys und Minskys Computerprogramme simulieren recht genau — eine menschliche Psychose!

1963 waren die aus den Pilotprogrammen hervorgegangenen Projekte wie MK-ULTRA in ihre praktische Phase getreten. Das Ukiah Valley in Kalifornien wurde für experimentelle Kulte geöffnet, insbesondere für den später berüchtigten Volkstempel des Pastors Jim Jones. Millionen Portionen LSD-25 wurden offen und verdeckt an Studenten verschiedener amerikanischer Universitäten ausgegeben, während ein dionysisches Kultprojektexperiment des Tavistock-Instituts mit Namen „The Beatles“ in die Vereinigten Staaten exportiert wurde. Die Zeit der Rock-Drogen-Gegenkultur war angebrochen.

Im Jahre 1964 veröffentlichte Robert Hutchins im Rahmen des Fund for the Republic, ein von der Ford Foundation finanziertes Projekt, eine Schrift mit dem Titel The Triple Revolution, die zur Grundlage von Johnsons Programm der „Great Society“ wurde. Hiernach würde die „Kybernetisierung“ mit ihren automatisierten Maschinen ein so rasches Produktivitätswachstum erzeugen (damals 3 Prozent pro Jahr), dass man mit einer ständig wachsenden Massenarbeitslosigkeit besonders unter den sogenannten Minderheiten rechnen müsse. Hutchins regte eine neue gesellschaftliche Gewichtung an: eine weniger starke Betonung produktiver Beschäftigung zugunsten einer Verteilung von Sozialleistungen an die wachsende Masse der Armen, die für die Produktion nutzlos seien.

Neben den Thesen des Berichts Triple Revolution selbst setzte sich Anfang der sechziger Jahre immer mehr die Auffassung durch, dass die Vereinigten Staaten sich von einer „Industriegesellschaft“ zu einer „Dienstleistungsgesellschaft“ wandeln würden. Als Präsident Johnson im Januar 1965 sein Amt antrat, waren die malthusianischen Weichen in der Politik längst gestellt.

Den letzten Anstoß gab schließlich eine Studie über die gesellschaftlichen Auswirkungen der Forschungsprogramme der NASA, der sogenannte „Rapoport-Bericht”, welcher vom Londoner Tavistock-Institut erstellt und veröffentlicht wurde. Dieser Bericht beklagte die Tatsache, dass die Ergebnisse der Forschungs- und Entwicklungsarbeit der NASA „exzessiven“ Technologieoptimismus und allgemeine Hochachtung vor rationalem Verhalten in der Bevölkerung auslösten. Diese wissenschaftsfreundliche Einstellung sollte gebremst und umgekehrt werden. Johnson hielt sich daran: Eine drastische Einschränkung der amerikanischen Weltraumforschung setzte in den Jahren 1966–67 ein, und die freiwerdenden Gelder flossen in Projekte der „Great Society“, beispielsweise „Verbraucherforschung“ und „Umweltschutz“. Die Schwerpunktverlagerung von technologischem Fortschritt und Wirtschaftswachstum zur „nachindustriellen Gesellschaft“ hatte eingesetzt.

Dies überschnitt sich mit einer weiteren bedeutenden gesellschaftlichen Entwicklung in der Zeit zwischen 1956-58 und Mitte der sechziger Jahre: der Neuen Linken, die international von der League for Industrial Democracy (LID) und der Sozialistischen Internationale koordiniert wurde. Zuerst entstand der SDS in der Bundesrepublik und später der SDS in den Vereinigten Staaten. Der gemeinsame Nenner dieser Bestrebungen auf amerikanischer Seite war nicht nur die LID, eine alte Frontorganisation der britischen Fabian Society, sondern auch der Apparat Sidney Hillmans und David Dubinskys aus den dreißiger und vierziger Jahren; letzterer beherrschte die International Ladies‘ Garment Workers‘ Union (ILGWU), die Operationsbasis Jay Lovestones nach dem Krieg. In Europa wurde dieser Apparat von dem in Paris und in der Schweiz arbeitenden Irving Brown von der internationalen Abteilung der AFL-CIO repräsentiert.

Mit Hilfe des internationalen Netzwerkes warb man eine Reihe „Altlinker“ aus den fünfziger Jahren an, um deren besondere Talente beim Aufbau radikaler, nichtmarxistischer Jugendorganisationen zu nutzen, die anfangs jedoch nur mit einer gehörigen Dosis marxistischer oder scheinmarxistischer Diktion glaubwürdig auftreten konnten. Im Grunde entstand eine existentialistische Bewegung, ein Verschnitt aus Jean-Paul Sartre und R. D. Laing von der Londoner Tavistock-Klinik.

Im Fall der Vereinigten Staaten begann dieser Prozess als „Umgruppierung“ kleiner Kreise und Grüppchen trotzkistischer und kommunistischer Herkunft bzw. des Dritten Lagers, die aus den dreißiger und vierziger Jahren übrig geblieben waren. Anlass hierfür bildete zunächst Nikita Chruschtschows Stalinkritik auf dem 20. Parteitag der KPdSU und dann der immer deutlicher werdende Bruch zwischen Moskau und Peking. Diese bunte Mischung ließ man ab Anfang 1958 durch die Bürgerrechtsbewegung marschieren, dann durch die „Black Power“-Bewegungen Anfang der 1960er Jahre und schließlich durch die Antikriegsbewegung, die Ende 1964 von den führenden Kreisen des Ostküsten-Establishments in Gang gesetzt worden war. In Frankreich, der Bundesrepublik, Italien und anderen Ländern verliefen die Anfangsphasen ähnlich, wenn sich auch die Details unterschieden. Als die Antikriegsstimmung stieg, wurde die gesamte Bewegung auf die Gewalttätigkeiten des Jahres 1968 orientiert.

1968 waren auch die Vorbedingungen für Kissingers Auftritt herangereift. Was unter der Johnson-Administration als Pilotprojekt begann, kam unter Kissinger zur vollen praktischen Anwendung. Malthusianismus wurde zur offiziellen Politik der Nato. Die Nato-„Strategie der Spannung“ setzte ein, fein abgestimmt mit dem Ausbruch des Terrorismus in der Bundesrepublik, Italien und den Vereinigten Staaten im Jahre 1969. Ende 1969 wurden gleichzeitig in den Vereinigten Staaten und in Europa die „Umweltschutz”-Bewegungen gegründet. Ebenfalls in das Jahr 1969 fallen die Anfänge der straff von oben organisierten homosexuellen und lesbischen Bekehrungsbewegungen; die neu geschaffene „Women’s Lib“-Bewegung wurde zum Hauptwerkzeug der Verbreitung des Lesbentums, das in langen, entwürdigenden „Sensivity-Sitzungen“ erzeugt wurde.

Alles ging von einer koordinierten Schwerpunktverlagerung in der Politik der Regierungen, im Verhalten der Masse und von radikal veränderten Wertvorstellungen in der Bevölkerung insgesamt aus. Wir haben es mit einer allgemeinen kulturellen Schwerpunktverlagerung zu tun und eine Orientierung auf Werte erreicht, die Bertrand Russell so schätzte — mit Methoden, die für Russell „zwar abstoßend, aber notwendig sind“.

„Das Dritte und letzte römische Reich“

Man kann fast sagen, dass es heute in den Universitäten des Westens und deren Umfeld mehr erklärte Marxisten gibt als in den Staaten Osteuropas. Ungefähr in der Mitte der sechziger Jahre wurde auch in den führenden Kreisen der Sowjetunion sichtbar, was in Osteuropa schon seit 1956 gang und gäbe war: eine Abkehr vom marxistischen Denken und sogar von der marxistischen Terminologie. Heute werden sowjetische Staatsvertreter normalerweise als „Sowjet-Pragmatiker“ eingestuft, und sogar in der Sowjetunion sind die Kirchen nicht nur voll, sondern überfüllt.

Man braucht keine große Vorstellungskraft, um zu erkennen, dass führende antisowjetische Politiker von dieser Abkehr vom Marxismus und der Hinwendung zu Pragmatismus und Religion in den Comecon-Ländern sehr angetan sind. Henry Kissinger ist darüber sehr erfreut, ebenso sein Geschäftspartner Lord Peter Carrington; auch Kissingers Vorgänger an der Harvard-Universität und Nachfolger im Sicherheitsrat der USA, Zbigniew Brzezinski, zeigt sich sehr zufrieden.

Brzezinski ist ein Mann mit enormem und scheinbar unerschöpflichem Einfallsreichtum in osteuropäischen und asiatischen Angelegenheiten. Jeder hat einen Bekannten mit ähnlichem Talent: zum Beispiel der Nachbar, der zu jeder Gelegenheit Tatsachen aus dem Ärmel schütteln kann, die das ganze Universum niemals hergeben würde. Kurz gesagt steht Brzezinski für jene Politiker im Westen, die von dem brennenden Wunsch beseelt sind, dass sich das sowjetische Reich selbst zerfleischen möge, und sich aus reinem Wunschdenken alle möglichen Überzeugungen zulegen, wenn sie ihnen nur vorspiegeln, dass die Verwirklichung ihres Wunschtraums greifbar nahe ist. Wir betonen damit nicht Brzezińskis Fall, sondern nur das, was er repräsentiert, soweit er überhaupt etwas repräsentiert.

Steht das sowjetische Reich wirklich kurz vor seiner Selbstzerstörung, wie es Zeitgenossen mit Brzezinskis Überzeugung behaupten? Oder lassen sie bei einem solchen Urteil die wichtigsten kulturellen Faktoren außer acht, die die slawische und islamische Bevölkerung des Reiches beeinflussen? Diese Faktoren können sie aber nicht nur einfach übersehen haben, denn sie waren ihnen durch führende Kreise der anglikanischen Kirche, kulturpolitische Institutionen in Venedig oder Gelehrte aus den Klöstern auf dem griechischen Berg Athos bekannt und ohne weiteres zugänglich. Darüber hinaus gibt es seit Ende des 15. Jahrhunderts eine Unmenge an Literatur, um die Fakten zu belegen, die Brzezinski und seine Kollegen übersehen; aber auch neuere wissenschaftliche Untersuchungen in Buchform oder als Konferenzberichte (zum Beispiel von kürzlichen Konferenzen in Rom) stehen zur Verfügung.

Die von uns hier herangezogenen Fakten werden von den erwähnten Expertenkreisen und denjenigen, die sich in der aktuellen Situation in der Sowjetunion wirklich auskennen, als richtig und wichtig bestätigt. Zu allen diesen Fakten hätten Personen von Brzezinskis Position und Anliegen leicht Zugang, würden sie diesen Experten nicht absichtlich aus dem Weg gehen. Was die Schlussfolgerung aus den Fakten angeht, sind sich die Experten allgemein einig, dass meine Einschätzung nicht nur „möglicherweise richtig“ ist, sondern dass sie zumindest die einzige Hypothese ist, die gegenwärtig eine Untersuchung und Diskussion wert ist.

Bis jetzt haben wir in diesem und dem vorangegangenen Kapitel die Ursprünge des Malthusianismus im Westen im Rahmen des Begriffs „kultureller Paradigmen“ untersucht. Die calvinistische These von Adam Smiths Theory of Moral Sentiments von 1759 ist Beispiel für solch eine kulturelle Wertvorstellung. Das kulturelle Paradigma der Familien der Essex Junto Neu-Englands und des späteren Ostküsten-Establishments der USA ist ein weiteres Beispiel. Die Abkehr von technologischem Fortschritt zu „Umweltschutz“ und „nachindustrieller Gesellschaft“ ist eine drastische Änderung der herrschenden kulturellen Wertvorstellung der USA und Westeuropas, die die meisten Leser selbst miterlebt haben. Jetzt wenden wir unsere Aufmerksamkeit dem sowjetischen Malthusianismus zu, einem Phänomen, das immer stärkeren Einfluss auf die sowjetische Führung und die russisch-orthodoxe Kirche ausübt. Beispiel hierfür ist der einflussreiche KGB-Mitarbeiter Patriarch Pimen von der russisch-orthodoxen Kirche; er denkt wahrscheinlich noch stärker neumalthusianisch als Iwan Frolow und andere, die mit dem sowjetischen Apparat der globalen Systemanalyse zusammenarbeiten.

Was wir über die kulturellen Entwicklungen im heutigen sowjetischen Reich sagen, vergleiche man mit den Schriften von Dr. Armin Mohler, Geschäftsführer der bayrischen Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung. Dr. Mohler, der sich als Schweizer freiwillig um die Aufnahme in Adolf Hitlers Waffen-SS bewarb, schloss in der Nachkriegszeit sein Studium unter dem Schweizer Nazi-Sympathisanten Karl Jaspers ab. 1949 schrieb Mohler seine Dissertation, die anschließend unter dem Titel Die konservative Revolution als Buch veröffentlicht wurde. Diese Schrift wird normalerweise als Rechtfertigung für die Nazis und die „Neue Rechte“ angesehen, doch hat sie eine größere Bedeutung. Mit großer Treffsicherheit legt Mohler die geistigen Entwicklungen dar, die den Nationalsozialismus ermöglichten. Versteht man die geistige „Landkarte“ des nationalsozialistischen Denkens, dann kann man recht präzise seine Taten vorhersagen, seine Ziele, wie diese Ziele sich mit dem Ausreifen der Nazi-Bewegung verändern werden und so weiter. Was Dr. Mohler als kulturelle Wende in den europäischen Strömungen des 19. Jahrhunderts beschreibt, die zur Entstehung des Faschismus des 20. Jahrhunderts allgemein und des Nationalsozialismus im besonderen beitrug, hat große Ähnlichkeit mit den heutigen Entwicklungen im sowjetischen Reich. Man muss nur den deutschsprachigen Schweizer Friedrich Nietzsche durch den russischen Romanschriftsteller Dostojewski ersetzen.

Das ist mehr als ein bloßer Vergleich. Der sowjetische KGB arbeitet eng und weitläufig mit einem reichen, machtvollen, weltweit zentral koordinierten Netzwerk zusammen, das als „Nazi-Internationale“ bekannt ist. Diese Organisation entsprang den Bemühungen verschiedener westlicher Geheimdienste, Teile des Nazi-Apparats, vor allem das Amt VI des Reichssicherheitshauptamtes, in der Nachkriegszeit gegen die Sowjetunion einzusetzen. Auf der anderen Seite steckt auch der sowjetische Staatssicherheitsdienst tief in diesen Netzwerken und benutzt sie gegen den Westen. Gleichzeitig wird die Nazi-Internationale, die in der Zeit von 1943–50 aus den verschiedenen Teilen wieder aufgebaut wurde, von mächtigen Schweizer Bankiers finanziell unterstützt und kontrolliert, die ihre nationalsozialistischen Überzeugungen auch nach dem Krieg nicht ablegten. Der weltweite Terrorismus geht fast ausschließlich auf das Konto dieser Nazi-Internationale. Sie ist die beherrschende organisierte Kraft in den fundamentalistischen (sufistischen) Bewegungen der islamischen Welt und führend innerhalb der verschiedenen säkularen separatistischen Bewegungen in Indien, im Nahen Osten, Westeuropa usw. Teilweise überlappt sie sich mit sufistischen Freimaurer-Netzwerken in Europa und den USA und bestimmt weitestgehend die Strategie einer Organisation mit dem Namen Islam and the West und des malthusianischen Club of Rome.

Wichtige Personen im Westen, die sich als „rechts“ bezeichnen, unter ihnen auch hochrangige Geheimdienstler, vertrauen darauf, dass die Nazi-Internationale ihr Trumpf und Verbündeter gegen das sowjetische Reich sei. Für einige sog. Liberale des Westens in ähnlichen Positionen ist die Nazi-Internationale mit ihren Netzwerken Teil antisowjetischer Operationen, die „zwar abstoßend, aber notwendig sind“. Sie sind vollkommen blind gegenüber Tatsachen, die eigentlich ins Auge springen, wenn man die Implikationen von Armin Mohlers Konservativer Revolution mit den überwiegend faschistischen Tendenzen vergleicht, die in der sowjetischen Führung und bestimmten sozialen Schichten der sowjetischen Bevölkerung aufkommen. Das Hervortreten malthusianischer Ideen in der Sowjetunion ist nur ein Aspekt dieser Tendenz, verdient aber hier unsere besondere Aufmerksamkeit.

Trotz aller Fehler war Karl Marx ein leidenschaftlicher Gegner des Malthusianismus.

Zusammen mit seinem Mitarbeiter Friedrich Engels befand er sich inmitten der britischen Strömungen, die zuvor, in den 1820ern und 1830ern, durch den für seine Entwürfe einer automatischen Rechenmaschine bekannten Charles Babbage und die ihm nahestehenden Kreise in Edinburgh und Cambridge geprägt worden waren. Auf deren Initiative ging die Gründung der British Association for the Advancement of Science (BAAS) und ihres amerikanischen Ablegers, der American Association for the Advancement of Science (AAAS) zurück. War die BAAS ihrer Weltanschauung nach keineswegs antimalthusianisch, so argumentierte sie doch, dass die Malthusianer von der Universität Oxford, der Londoner Royal Society und dem Haileybury College zu weit gingen, wenn sie wissenschaftliche Forschung und Entwicklungen der Technologie bewusst unterdrückten. Ähnlich wie die Mehrheit der Coefficients um Milner Anfang dieses Jahrhunderts argumentierten sie, dass Großbritannien strategisch gefährdet sei, weil die britische Wissenschaft weit hinter der der Vereinigten Staaten und des europäischen Kontinents zurück sei und auch mit dem technischen Fortschritt auf dem europäischen Kontinent nicht mehr mithalten könne. Aus diesen Gründen zogen diese Herren, darunter der Kreis der „Apostel“ in Cambridge, zu dem Engels u. a. geschäftliche Verbindungen hatte, einen künstlichen Trennungsstrich zwischen der Volkswirtschaftslehre von Adam Smith und David Ricardo einerseits und dem offen technikfeindlichen Fanatismus von Malthus u. a.

Karl Marx stand Mitte der 1840er Jahre stark unter dem Einfluss von Engels. Während seines Londoner Aufenthaltes geriet er zudem in die Hände eines führenden Geheimdienstlers von Lord Palmerstons SIS, David Urquhart vom Britischen Museum. Worum es sich beim Kreis um Urquhart handelte, verdeutlicht der Fall Dr. Edward Aveling. Aveling war ein Liebhaber von Annie Besant, einer Führerin von Madame Blavatskys theosophischer Bewegung. Er wurde auf eine von Marx‘ Töchtern angesetzt, die mit ihrem Vater zusammen im Britischen Museum arbeitete, und er heiratete sie später. Dieser Aveling, nach allem, was von ihm bekannt ist, ein wahrer Schuft, war dafür verantwortlich, dass die erste Auflage von Marx‘ Kapital (Band I) Charles Darwin gewidmet wurde, einem Mann, den Marx als Malthusianer verabscheute. Dieser Aveling schloss sich später den Kreisen John Ruskins an, z. B. der Hammersmith-Gesellschaft. Trotz alledem teilte Marx in den 1840er und 1850er Jahren die Ansichten der britischen Antimalthusianer um Babbage, und er blieb bis an das Ende seines Lebens entschieden bei dieser Weltanschauung, wie aus allen seinen Schriften hervorgeht.

Über ein Jahrhundert lang war das Hauptargument von Marx und der Marxisten gegen den Kapitalismus, dass dieser den technologischen Fortschritt hemme, wodurch der Weltbevölkerung großer Schaden zugefügt werde. Dieselbe Anschauung vertrat vehement W. I. Lenin, dessen entschiedener Einsatz für die technisch-industrielle Entwicklung Sowjetrusslands sich höchstens in der Form, nicht aber in der allgemeinen Ausrichtung von den früheren Vorkämpfern der „Verwestlichung“, wie Zar Peter I., Zar Alexander II., Sergej Witte u. a., unterschied. Man erinnere sich auch an die sowjetische Industrialisierungsdebatte der 1920er Jahre, an die Fünfjahrespläne der Stalin-Ära, das Sputnik-Programm usw.

Aus diesem Grunde ist es auf den ersten Blick recht schockierend, wenn man sieht, dass der Schwiegersohn des als Vorkämpfer der sowjetischen Industrialisierung bekannten Alexej Kossygin, Dscherman Gwischiani, vor Lord Solly Zuckerman die Leitung des malthusianischen Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA) innehatte, oder wenn man die malthusianischen Tiraden des sowjetischen Schriftstellers Iwan Frolow und seines Kreises in sowjetischen Organen liest, die alle der Kontrolle des KGB unterstehen. Oder was ist davon zu halten, dass am 10. Mai 1982 ein leitender KGB-Mann, der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche Pimen, seine Eröffnungsansprache auf einer internationalen Moskauer Friedenskonferenz zu einem heftigen indirekten Angriff auf den im Februar 1982 vorgestellten Vorschlag des Verfassers für eine neue strategische Doktrin benutzte? Diese neue Doktrin sollte durch die gleichzeitige Entwicklung und Stationierung strategischer Raketenabwehrsysteme durch beide Supermächte die Strategie der „garantierten gegenseitigen Zerstörung“ (MAD) ablösen und damit das Zeitalter des atomaren Schreckens beenden. Pimens Argumentation ist noch aus anderen Gründen interessant. Er argumentierte wie ein typischer malthusianischer Jesuit, und sowohl Pimen als auch die Jesuiten und malthusianische Franziskaner beziehen ihr Argument direkt aus einer verfälschten Version der Genesis, bekannt als „gnostische Bibel“.

Pimens Erklärung vom 10. Mai 1982 ist nicht nur deswegen interessant, weil seine Ansprache einen persönlichen Angriff auf den Verfasser darstellt. Dieselbe Formulierung wie bei Pimen tauchte auch in einer Erklärung der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften im September 1982 auf, einen Monat, bevor Dr. Edward Teller am 25. Oktober 1982 den Vorschlag des Verfassers für eine neue strategische Doktrin vor dem Presseclub in der amerikanischen Hauptstadt Washington in einer eigenen Version wiederholte. Unter den Unterzeichnern der Erklärung der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften befand sich auch der französische Genetik-Professor Jérôme Lejeune. Einziger Gegenstand dieser Erklärung war der scharfe Angriff auf die vom Verfasser vorgeschlagene Version der neuen strategischen Doktrin. Kurz danach stellte sich Prof. Lejeune, der sich 1982 mit einer Gruppe der Päpstlichen Akademie zu Gesprächen in der Sowjetunion aufgehalten hatte, an die Spitze einer immer noch anhaltenden Verleumdungskampagne gegen den Verfasser in Frankreich, den Vereinigten Staaten und sogar Japan. Er wirft dem Verfasser vor, ein „KGB-Agent“ zu sein – aufgrund der von ihm vorgeschlagenen neuen strategischen Doktrin. Ist dieser Prof. Lejeune, scheinbar ein streng konservativer Katholik mit rechtsextremen Anschauungen in der Genetik, nicht vielmehr selbst Agent des sowjetischen KGB?

Als später US-Präsident Ronald Reagan am 23. März 1983 wichtige Aspekte der vom Verfasser zuvor vorgeschlagenen neuen strategischen Doktrin zur offiziellen Doktrin der Vereinigten Staaten machte, erhob sich von Andropow abwärts ein sowjetisches Geschrei, das den Angriffen des russisch-orthodoxen Patriarchen Pimen auf den Verfasser am 10. Mai 1982 in nichts nachstand. Dieselbe KGB-Linie kann man bei allen denjenigen wiederfinden, die weltweit den Zielen der Pugwash-Konferenzen nahestehen.

Am 23. März 1983 erklärte US-Präsident Ronald Reagan, die Militärstrategie der „garantierten gegenseitigen Zerstörung – MAD“, solle durch ein Strategie des „garantierten gegenseitigen Überlebens“ ersetzt werden, die sich auf Strahlenwaffen stützt. Damit übernahm Reagan die von Verfasser schon 1982 vorgeschlagene Politik „Frieden schaffen mit Strahlenwaffen“.

All dies war kein zufälliges Zusammentreffen. Auf sowjetischer Seite reflektierte diese Entwicklung einen seit einiger Zeit in Gang befindlichen und weit fortgeschrittenen Wertwandel in den führenden Kreisen der Sowjetunion. Im Westen wiurd hieraus deutlich, wie weit die Zusammenarbeit des KGB mit den Jesuiten, protestantischen Kreisen im Genfer Weltkirchenrat und wie weit die sowjetische Zusammenarbeit mit der Nazi-Internationale in der Schweiz schon geht.

Die enge Verflechtung der Führung des Jesuitenordens mit dem sowjetischen KGB ist gut dokumentiert. Sie geht auf die alten, engen Verbindungen der venezianischen Familien nach Russland und zur Spitze der russisch-orthodoxen Kirche zurück; als der Vatikan den Jesuitenorden im 18. und 19. Jahrhundert verboten hatte, fand die Societas Jesu jahrzehntelang Zuflucht im russischen Reich. Noch heute stellt die jesuitische Kirche in Russland, der sogenannte „byzantinische Ritus“, ein wichtiges Bindeglied des KGB in den Westen dar. Das „solidaristische“ Netzwerk, das Ost und West überbrückt, ist eine gemeinsame Operation der Jesuiten und der orthodoxen Kirche. In wichtigen Tagesfragen laufen diese Verbindungen über Wien; als Teil des „heidnischen“ Hilfsapparats gehören die Anthroposophen Deutschlands und anderer Länder dazu.

Obwohl dies alles in den Führungsetagen der westlichen Geheimdienste gut bekannt ist – einige von ihnen nehmen persönlich an diesen Operationen teil –, tröstet man sich dort mit der Hoffnung, auf diese Weise den Osten erfolgreich zu unterwandern. Die große Masse aller Hinweise zeigt jedoch, dass diese Einschätzung völlig falsch ist. Die Geheimdienste zeichnen sich durch eine unglaubliche Blindheit gegenüber dem wahren Charakter der Schweiz, Venedigs und des Jesuitenordens sowie dem byzantinisch geprägten Unterboden der slawischen Kultur aus. Sie machen sich zu Sklaven der heutigen westlichen Massenmedien-Kultur, die nichts als „glaubwürdig“ gelten lässt, wenn es nicht mit angesehenen, national propagierten „Markenzeichen“ versehen ist und eine leicht verständliche Gebrauchsanweisung auf dem Etikett trägt.

Der Kern der Sache ist folgender. Es ist in den Chefetagen der westlichen Geheimdienste hinlänglich bekannt, dass die vorherrschende strategische Doktrin in sehr einflussreichen Kreisen der Sowjetunion nicht vom Marxismus-Leninismus und auch nicht vom „sowjetischen Nationalismus“ geprägt ist.

Der Begriff, der in diesen sowjetischen Kreisen häufig fällt, lautet hochrangigen Geheimdienstkreisen zufolge vielmehr das „dritte und letzte römische Reich“. Er bezieht sich auf die Prophezeiung in dem berühmten Brief des Philotheos von Pskow an Wassilij III. (1503 bis 1533), dass der russische Cäsar (= Zar) über das Dritte und letzte römische Weltreich herrschen werde. Aufgrund dieses Briefes ernannte sich Iwan IV. zum ersten Zaren, und die russisch-orthodoxe Kirche forderte fortan, dass alle russischen Herrscher diesen Titel annahmen. Wie aber ist es überhaupt nur vorstellbar, dass die heutigen, angeblich atheistischen sowjetischen Politiker die gegenwärtige Strategie der Sowjetunion auf eine religiöse Prophezeihung aus dem Beginn des 16. Jahrhunderts bauen?

Wenn dieses Bild der sowjetischen Politik stimmt, dann haben die Vereinigten Staaten und die meisten Politiker des Westens ganz offensichtlich absurde Ansichten von dem strategischen Problem, das die Sowjetunion heute darstellt. Sie übersehen, was es bedeutet, dass innerhalb der sowjetischen Führung und Bevölkerung der Malthusianismus immer stärker wird. Liegt es vielleicht einfach daran, dass diese irregeführten Politiker des Westens der Idee, den „atheistischen Kommunismus zu bekämpfen“, so sehr verhaftet sind, dass sie die Existenz einer anderen, weit größeren Gefahrenquelle gar nicht wahrhaben wollen? Halten sie an einer Binsenweisheit der Vergangenheit fest, die in der heutigen Realität zu einer bloßen Legende geworden ist? Verpflichten uns nicht die aufgehäuften Indizien, darunter untergeordnete, aber bezeichnende Tatsachen wie der Fall Lejeune, die Frage neu zu beurteilen, wer hier wen beeinflusst, über Konferenzen wie die Pugwash-Konferenz, Dartmouth-Konferenz und religiöse Kanäle zwischen Ost und West? Was wäre, wenn die Religion mittlerweile ein bedeutendes Instrument der sowjetischen Strategie und der Staatspolitik im Comecon-Bereich geworden ist? Ist das eine glaubwürdige, nachweisbare Tatsache? Wenn ja, wie kam es dazu und wie funktioniert es?

Angenommen, die fundamentalistischen Aufstände, die gegenwärtig u. a. im Osten und entlang der sowjetischen Grenzen ausbrechen, würden zum sowjetischen Vorteil gewendet, indem man sich die byzantinische Tradition der russisch-orthodoxen Kirche zunutze macht, die tief in der slawischen Bevölkerung des Ostens verwurzelt ist, und indem der KGB mit der Nazi-Internationale kollaboriert, um auch die islamischen Aufstände unter Kontrolle zu bringen? Weiter angenommen, die sowjetische Führung mache sich in enger Zusammenarbeit mit der Nazi-Internationale sozusagen zur „nationalen Heimat“ einer neuen internationalen pro-sowjetischen Massenbewegung, die an die Stelle der alten, zerrütteten kommunistischen Internationale tritt? Angenommen, die religiösen Führer des Westens, die selbst tief von der malthusianischen Wertveränderung betroffen sind, lassen sich leicht von dieser neuen internationalen Propaganda der Sowjetunion beeinflussen? Bei der Fülle von Tatsachen liegen solche Fragen nahe, sehr nahe. Unsere Schlussfolgerungen sind daher, statistisch gesprochen, die wahrscheinlichste Erklärung von allen. Sind sie aber nicht nur wahrscheinlich, sondern auch nachweisbar richtig?

Ist die Weltherrschaft sowjetischer Zaren das Ziel, in das der Aufstieg des Neo-Malthusianismus in den letzten Jahrzehnten mündet? Ist das die Verwirklichung des „internationalen Sozialismus“, den Bertrand Russell in den zwanziger Jahren forderte und den er seit seinem Beitrag im Bulletin of the Atomic Scientists im Oktober 1946 zu verwirklichen suchte?

Wenn man die Vorschläge Russells Ende der 40er Jahre und die berüchtigte Ansprache von Leo Szilard 1958 zum Ausgangspunkt nimmt, lässt sich das allgemeine strategische Bild der dann folgenden Entwicklungen recht leicht zusammenfassen. Die Frage, was in Russland geschah, um diesen Wertwandel im Wesen und der Politik der Sowjetunion zu vollziehen, erfordert allerdings mehr Aufmerksamkeit.

Wenn wir die gegenwärtige Situation vom Standpunkt der Pugwash-Konferenzen und ihrer uns bekannten Zielsetzungen betrachten, so können wir sie folgendermaßen beschreiben: Als die Sowjetunion die Pugwash-Konferenzen als Mittel akzeptierte, hinter den Kulissen in Geheimverhandlungen die Strategien von Nationen mitzuformulieren, akzeptierte sie damit von Anfang an die Perspektive einer Weltregierung – darauf waren Planung, Initiative und Zusammensetzung dieser Konferenzen angelegt. Das durchgehende Thema der Konferenzen ist seit Ende der 1950er Jahre bis heute die Teilung der Welt in zwei oder möglicherweise drei „Reiche“ nach dem Muster des persischen und römischen Reiches, ein Vorhaben, das manchmal als „Weltföderalismus“ bezeichnet wird. Zwei der drei möglichen Reiche wären natürlich ein System der „Weltregierung“ im Westen und das russische Reich oder, wenn man so will, das sowjetische Reich. 1972—73 war bereits deutlich, selbst wenn man kein Insider der Konferenzen und der damit verbundenen Geheimverhandlungen war, dass die langfristige Bedeutung der „Entspannungspolitik“ darin lag, eine weltföderalistische Regierung zu billigen, indem man strategische Richtlinien entwickelte, um Konflikte zwischen den beiden Großreichen zu regeln.

Doch es war ebenso klar, dass die westlichen Bindungen der UNRRA-Zeit (United Nations Relief and Rescue Agency) in Osteuropa und die Ereignisse des Jahres 1956 in Ungarn und Polen bei westlichen Politikern nicht in Vergessenheit geraten waren. Die Entwicklungen in der Tschechoslowakei 1968 frischten solche Erinnerungen natürlich auf. Der Westen hatte die Absicht, die Vereinbarungen eines „neuen Jalta“ zwischen den beiden vorgesehenen Großreichen zu hintergehen. Der Westen strebte danach, das sowjetische Reich zu „balkanisieren“ und es so von innen her mit separatistischen Aufständen zu zerrütten. Es konnte keine dauerhafte „Entspannung“ zwischen den beiden vorgesehenen Großreichen bestehen. Nur eines von beiden konnte die Weltherrschaft ausüben. Dieser Aspekt des „Wandels durch Annäherung“ wurde von der sowjetischen Führung durchaus nicht übersehen. Ihre Reaktion war fast instinktmäßig und hat geschichtliche Vorläufer.

In den Jahren 1927—28, nachdem die russisch-orthodoxe Kirche und andere Glaubensgemeinschaften fast ganz vernichtet worden waren, machte sich der Staatssicherheitsdienst, damals die Tscheka, die stark geschrumpfte Kirchenführung gefügig. Bis 1943 schien es, als hätten diese Verbindungen zwischen der Tscheka und der Kirche keine tiefere Bedeutung. Während der Vorbereitung und des Beginns von Hitlers Ostfeldzug finanzierte die russische Kirche „Unternehmen Barbarossa“ zu einem nicht unerheblichen Maße, und Teile der sowjetischen Bevölkerung, insbesondere in der Ukraine, begrüßten die Nazis anfangs sogar als Befreier! Das Überlaufen des sowjetischen Generals Wlassov mit seiner Armee war für Stalin besonders erschreckend. 1943 begab sich Stalin in die Moskauer St.-Basilius-Kathedrale und führte ein stundenlanges Gespräch mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen. Sie schlossen ein Abkommen. Kurz darauf wurde der Krieg durch Stalin in eine Art christlichen Kreuzzug umgemünzt: Stalin sprach nun nur noch vom „Großen Vaterländischen Krieg“, um die „heilige Erde“, das „heilige Volk“ und „Mütterchen Russland“ vor den deutschen Invasoren zu schützen. Die Kirche mobilisierte ihrerseits die Bevölkerung für den Krieg, und der bekannte sowjetische Propaganda-Autor Ilja Ehrenburg, der regelmäßige Beiträge für Prawda lieferte, wurde zu einem fanatischen Rassisten, dessen Hetztiraden zur Auslöschung Westeuropas selbst die Nazi-Propaganda des Goebbels-Ministeriums in den Schatten stellte.

Nach dem Krieg hielt Stalin am Abkommen mit der Kirche fest; das ging so weit, dass Kreise des sowjetischen Geheimdienstes Tscheka und der Kirche gemeinsam daran arbeiteten, das religiöse Zentrum der gesamten orthodoxen Weltkirche von Konstantinopel nach Moskau zu verlegen. Der amerikanische Präsident Harry S. Truman konnte dies mit britischer Hilfe 1952 verhindern. Der plötzliche Tod des Tscheka-Chefs Beria und die folgende Chruschtschow-Ära scheinen den Machtzuwachs der Kirche innerhalb des sowjetischen Staatsapparates gebremst zu haben; in den 60er und 70er Jahren wuchs die Rolle der Kirche aber wieder beständig an, was von Institutionen des Westens erheblich gefördert wurde. Im Westen, insbesondere in den Vereinigten Staaten, schien ohne Frage die Ansicht vorzuherrschen, die Religion sei ein Gegenspieler zum „atheistischen Kommunismus“, und der Machtzuwachs religiöser Institutionen im sowjetischen Reich könne deshalb nur eine erwünschte Folge haben: Rebellion gegen den Sowjetstaat.

Die sowjetische Reaktion auf die Gefahr separatistischer und „fundamentalistischer“ Aufstände gleicht Stalins Schritten der Jahre 1943–52, nahm jedoch sehr viel umfassendere Züge an. In welchem Maße es sich um eine gewollte Entwicklung handelte und in welchem Maße es die unausweichliche, jedoch nicht vorausgesehene Konsequenz einer ursprünglich weniger umfassend gedachten Wende war, sollen die Experten irgendwann in der Zukunft ausmachen. Tatsache ist jedenfalls, dass der Zusammenbruch der marxistischen Ideologie in den führenden Kreisen der Sowjetunion, der schon seit Mitte bis Ende der 1960er Jahre festzustellen war, ein weltanschauliches Vakuum hinterließ; es wurde von etwas ausgefüllt, das aus der Zeit lange vor dem Oktober 1917 übrig geblieben war. Falls es anfangs vielleicht nur vorgesehen war, die Religion als kulturelle Waffe in der sowjetischen Innen- und Außenpolitik einzusetzen, so verselbständigte sich die Waffe bald und prägte die kulturellen Rahmenbedingungen der sowjetischen Bevölkerung und führender Institutionen des Staates, ja sogar die sowjetische Außenpolitik und entscheidende Teile des KGB.

In der Militärpolitik verfolgt die sowjetische Führung einen Kurs, der darauf ausgerichtet ist, einen Atomkrieg gewinnen zu können; diese Strategie wurde erstmals 1962 vom Sowjetmarschall W. D. Sokolowski in der ersten Auflage des Buches Militärstrategie veröffentlicht. Angelpunkt der Strategie ist die Entwicklung strategischer Raketenabwehrsysteme auf der Grundlage „neuer physikalischer Prinzipien“ wie hochenergetischer Laser, wie es Sokolowski bereits 1962 angab. Bei diesen Entwicklungen hat die Sowjetunion heute einen relativ hohen Stand erreicht. Gleichzeitig unterhält die Sowjetunion im Gegensatz zum Nato-Bündnis überlegene „konventionelle“ Streitkräfte zu Lande und in der Luft, die dafür ausgerüstet sind, auf dem mit atomaren, bakteriologischen und chemischen Waffen gesättigten Gefechtsfeld zu kämpfen. Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt ist der mit großem Nachdruck betriebene Ausbau der sowjetischen Marine und ihres strategischen Potenzials.

Die sowjetische Strategie baut darauf, dass der Westen seine Abwärtsdrift in ein Stadium „nachindustrieller Gesellschaften“ fortsetzt, mit allen militärischen Konsequenzen, die das hat. Vielleicht in den 1990er Jahren ist dann die Situation reif dafür, dass die Sowjetunion ein umfassendes strategisches Raketenabwehrsystem im Weltraum und auf dem Boden installieren kann, das ihr den Sieg über die Nato und ihre Verbündeten sichert. Sie hätte dann die unangefochtene Welthegemonie.

Das größte militärische Problem der sowjetischen Führung liegt in dem Risiko, dass der Westen einen präventiven Nuklearschlag gegen die UdSSR führen könnte, bevor ihr strategisches ABM-System einsatzbereit wäre. Ein solcher westlicher Angriff wird wahrscheinlich, wenn der Westen die Gelegenheit verpasst hat, mit der Sowjetunion in der Entwicklung strategischer ABM-Systeme gleichzuziehen. Wenn der Westen sieht, wie seine künftige militärische Verteidigung immer schwächer wird, könnte er aus blanker Verzweiflung einen Atomkrieg riskieren, um damit die sowjetische Aufrüstung zu stoppen.

Daher ist es die Hauptsorge der Sowjets, bis ca. Ende dieses Jahrzehnts die Regierungen und Bevölkerungen des Westens politisch so einzulullen, dass der Westen die letzte Möglichkeit für eine strategische Wende verstreichen lässt und keine spürbaren Schritte unternimmt, um die Festigung der sowjetischen Welthegemonie in den 90er Jahren zu verhindern.

Aus diesem Grund wurden die Friedensbewegung und die von faschistischen Kräften gesteuerte „Umweltschutzbewegung“ zu einem Hauptpfand sowjetischer Strategie. Wie wir tagtäglich beobachten können, ist die korrumpierte Führung der protestantischen und katholischen Kirche die Hauptkraft, mittels derer der sowjetische KGB die Massenbewegung in Westeuropa und den Vereinigten Staaten organisiert. Es gibt weitere Faktoren der Operation, doch die Kirchen sind der primäre Einflusskanal des KGB in die Massenbewegungen des Westens. Entscheidend für die Manipulierung dieser korrumpierten Führungsschicht der Kirchen im Westen sind die Kirchen des byzantinischen Ritus’; dieser Ritus wird durch die einflussreichen Klöster auf dem „heiligen Berg“ Athos in Griechenland beherrscht. Im Verlauf der 70er Jahre hat der KGB die Kanäle zum Berg Athos enorm vertieft.

Bis jetzt ließe unser Bericht über die Strategie der Sowjetunion den Schluss zu, Moskau fördere den Malthusianismus nicht im eigenen Lande, sondern exportiere ihn nur in den Westen. Sind die Sowjets richtige Malthusianer, oder gehört das nur zu den psychologischen Kriegslisten des KGB?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir einen tiefen Blick in die manchmal sogenannte „russische Seele“ werfen. Die Ursprünge des russischen Malthusianismus, die ein wenig anders sind als die, die wir aus eigener Erfahrung und aus der Geschichte Westeuropas und der USA kennen, helfen uns, die europäische Geschichte insgesamt besser zu verstehen. Insbesondere ergibt sich ein tieferes Verständnis jener Mentalität, die den westlichen Malthusianismus hervorbringt.

Religion, Kultur und Malthusianismus in Russland

Die nordslawischen Stämme waren für Byzanz bis zum nominellen Übertritt des Kiewer Herrschers zum Christentum im Jahre 988 und auch danach eines der Hauptprobleme. Byzanz ging vor Wladimirs Bekehrung damit auf zweierlei Weise um. Die erste Reaktion war überwiegend militärisch. Die zweite Reaktion, die sich schließlich durchsetzte, war die Schaffung einer synthetischen, pseudochristlichen Glaubensrichtung als Grundlage eines nominellen Christentums für die slawische Bevölkerung, die Byzanz in sein Herrschaftsgebiet eingliederte.

Das synthetische Pseudochristentum, das eigens für die slawische Bevölkerung geschaffen worden war, ist als eine Form des Gnostizimus zu bezeichnen. Von der Zeit Kaiser Konstantins bis etwa zur Ära der Paläologen bemühte sich der kaiserliche Hof, der byzantinischen Kirche pseudochristliche Glaubensformen aufzupfropfen, deren Grundlage die heidnischen Kulte des kaiserlich-römischen Pantheon waren. Das Beispiel des von Kaiser Konstantin ernannten Bischofs Arius ist charakteristisch für eine Entwicklung, die Jahrhunderte andauern sollte. Der religiöse Glaube, der eindeutig christliche Züge trug, beschränkte sich auf die griechischsprachige Bevölkerung des oströmischen Reiches, die sich darum bemühte, die klassische griechische Literatur und Sprache, insbesondere die Schriften Platons, zu bewahren. Der kaiserliche Hof war entschieden antigriechisch, was so weit ging, dass der Unterricht in klassischem Griechisch eine Zeitlang verboten wurde und man es den Untertanen des Reichs untersagte, sich als „Griechen“ zu bezeichnen oder bezeichnen zu lassen. Trotz des Widerstands griechischer Christen war die oberste Kirchenhierarchie durch und durch gnostisch; offizieller Kirchenphilosoph war Aristoteles. Um diese Frage ging die eigentliche Auseinandersetzung zwischen der Ost- und der Westkirche seit den Tagen des hl. Hieronymus und des hl. Augustinus bis zum Konzil von Florenz im Jahr 1439.

Die gefährlichste Fraktion unter den Gnostikern waren die Hesychasten, die ursprünglich von Kaiser Konstantin im Kloster St. Katharina auf dem Sinai angesiedelt worden waren. Der Aufstieg des Islam führte zur Verlagerung des Zentrums der Hesychasten zu der Gruppe von Klöstern auf dem „heiligen Berg“ Athos in Griechenland. Dieses Zentrum der Hesychasten, das seine Tradition bis zum heutigen Tage fortsetzt, ist zur Zeit die Weltzentrale der sogenannten „integristischen Bewegung“, wozu die verschiedenen Formen der „Befreiungstheologie“ und „charismatischer“ Sekten gehören, die unter jesuitischer Leitung aufgebaut wurden.

Die heidnische Religion, die diese Hesychasten (d. h. Bauchnabelbeschauer) als Modell zur Entwicklung eines charismatischen Pseudochristentums für die Slawen nahmen, war ein Kult der „Muttergottheit“, wie er in dieser Region bereits herrschte. Diese Methode wird heute noch von den Jesuiten zur Schaffung „christlicher“ Stammeskulte angewandt. („Ihr bringt Menschenopfer dar? Ihr wisst es vielleicht nicht, aber dieser Brauch ist mit dem Christentum zu vereinbaren“, argumentiert der typische Jesuit.)

Die „Muttergottheit“ tritt unter vielen Namen auf: die wichtigsten sind die Cybele-Sybille, die chaldäische Ishtar, die ägyptische Isis oder die Shakti der altindischen Harappa-Kultur. In jenen heidnischen Religionen wird sie zusammen mit einer männlichen Gottheit genannt, zumeist einem kastrierten Phallusgott wie Osiris oder Shiva; eine andere Version ist das ägyptische Dreigespann Isis, Osiris und Horus. Im Pseudochristentum des Kiewer Rus war es der phrygische Dionysos (der Osiris oder dem semitischen Satan entspricht, ebenso wie Apollo auch als Luzifer bezeichnet wird). Dieses Heidentum mit mystischen Elementen des Hesychasmus bildete den kulturellen Rahmen, den Byzanz dem Heidentum des normannisch beherrschten Kiewer Rus überstülpte.

Man folgte dem allgemeinen Schema des Gnostizismus. Nach diesem Modell tritt die Heilige Familie dem Namen nach an die Stelle von Isis (= Maria), Osiris (= Josef) und Horus (= Jesus). Legenden und Mythen, die in der heidnischen Religion vorherrschen, werden einfach den Mitgliedern der Heiligen Familie zugeschrieben. In diesem Fall machte man sich die mystische Vorstellung von „Mütterchen Russland“ zunutze, die mit dem heidnischen Glauben einhergeht, dass das russische Volk auf mystische Weise dem Boden, d. h. dem Leib Mütterchen Russlands, entsprungen sei und dass der kollektive „Wille des Volkes“ den Willen der Mutter wiedergebe. Das steht hinter Begriffen wie dem „heiligen Blut und Boden von Mütterchen Russland”.

Diese Form des Irrationalismus beherrschte die slawische byzantinische Kirche schon seit tausend Jahren, doch die Revolte der sog. „Altgläubigen“, der Raskolniki, die während der Herrschaft von Zar Peter I. einen ersten Höhepunkt erreichte, beweist, wie stark der Kult vom „Heiligen Mütterchen“ Russland auch die nichtreligiöse und selbst die erklärt atheistische Bevölkerung erfasst hatte. Die Altgläubigen traten erstmals Ende des 17. Jahrhunderts in Erscheinung, als die Kirchenführer versuchten, einige der schlimmsten Verfälschungen in der „russischen Bibel“ zu korrigieren. Als Peter I. das Zarentum aus den Fesseln der Prophezeiungen vom „Dritten Rom“ befreien wollte und darum kämpfte, westliche Kultur in Russland einzuführen und die Kirchenhierarchie von der Spitze her zu säubern, kam es zur religiösen Explosion, darunter Massenselbstmorden von Raskolniki, die den berüchtigten Jim Jones wie einen harmlosen Sonntagsprediger erscheinen lassen! Mindestens ein Viertel der russischen Gesamtbevölkerung war von diesem wilden und fanatischen religiösen Fieber ergriffen.

Die Schriften Dostojewskijs, insbesondere Schuld und Sühne (die Hauptfigur des Romans heißt sogar Raskolnikow), erlauben einen tiefen Einblick in den Geisteszustand der Raskolniki des 19. Jahrhunderts. Ein weiterer Apostel der Raskolniki-Tradition, Graf Leo Tolstoi, zeigt direkt, wie die Raskolniki-Version des Malthusianismus aussieht. Die Meuchelmörder der Anarchistengruppe Wille des Volkes, die Nihilisten, die Narodniki (Volkstümler), die bis in unser Jahrhundert hinein existierten, und die russische sozialdemokratische Bewegung in Moskau, sie alle sind größtenteils Geschöpfe der Raskolniki. Auch die Bolschewiki waren von dieser Ideologie durchdrungen, wie die Fälle Bogdanow, Krassin, Berdjajew und Bucharin zeigen. Die bolschewistische Herangehensweise an die Probleme der Landwirtschaft war weitgehend vom Kult des Heimatdorfes geprägt, der direkt von der Raskolniki-Doktrin des heiligen Blut und Boden von Mütterchen Russland ausgeht.

Fjodor Dostojewskij, Friedrich Nietzsche.

Die russische Revolution von 1905, in der L. D. Trotzki als Agent des Venezianers Parvus eine maßgebliche Rolle spielte, war ihrer Form, ihrem Inhalt und ihrer Zielsetzung nach ein Aufstand der Raskolniki, praktisch eine Wiederholung des Pugatschew-Aufstandes im 18. Jahrhundert. Dieselben kulturellen Rahmenbedingungen herrschten auch bei der Revolution von 1917 vor; erst unter Lenins Leitung nahmen bolschewistische Revolution und bolschewistischer Staat eine andere Form an. Ein Blick auf die Umstände und den Inhalt der Prophezeiung vom Dritten Rom zeigt, wie eine solche religiöse Prophezeiung als einflussreiche geistige Kraft, die tief in der slawischen byzantinischen Kultur verwurzelt ist, über 500 Jahre Bestand haben konnte.

Leo Tolstoi.

Der Kult des Dritten Rom manifestierte sich in Russland erstmals unmittelbar nach dem ökumenischen Konzil von Florenz im Jahre 1439. Der ökumenische Patriarch des paläologischen Byzanz reiste nach Russland, um die frohe Botschaft zu verkünden, dass die byzantinische Anerkennung des Filioque im nicäischen Glaubensbekenntnis das große Schisma überwunden habe. Dafür wurde er von seinen russischen Glaubensbrüdern fast gelyncht! Man warf ihm vor, einen verräterischen Pakt mit dem korrupten Ersten Rom eingegangen zu sein; dass sich das Zweite Rom, das paläologische Byzanz, auf so etwas eingelassen hatte, bewies nach Ansicht der russischen Priester, dass das Zweite Rom genauso verkommen sei wie das erste.

Lassen wir für einen Augenblick die formellen religiösen Streitfragen außer Acht. Der Kern ist ein gewalttätiger, rassistischer Fremdenhass des byzantinischen Russland gegen den Westen. Dieser Fremdenhass, wie man ihn aus dem Munde Ilja Ehrenburgs im letzten Kriege vernehmen konnte, hat seine religiösen Wurzeln in der an die Nazis erinnernden Blut-und-Boden-Doktrin des Heiligen Mütterchen Russland. Das ist die Essenz des russischen Mystizismus, die tiefere Bedeutung des Begriffs der „russischen Seele“, wann immer ein wahrer Sohn der Raskolniki diese Worte in den Mund nimmt. Das ist der russische Romantizismus, und er trägt dieselben Früchte wie der deutsche Romantizismus des 19. Jahrhunderts, der zur Entstehung des Nationalsozialismus beitrug. Es ist eine tiefe Bindung an die willkürlichen, irrationalen Züge des Sinnlichen.

Der Raskolnik ist ein fanatischer Materialist, d. h. ein fanatischer Hedonist, dessen Gott bzw. Göttin die Seele des Bodens und dessen Mystizismus und Spiritualität letztlich die „unsichtbare Hand“ Adam Smiths ist. Für den Raskolnik gibt es eine nicht erkennbare Verbindung zwischen dem irrationalen Willen des Einzelnen und einem unerkennbaren, allmächtigen Unbestimmten, das irgendwie einen Zusammenhang zwischen den zufälligen Handlungen der Einzelnen und ihrem irrationalen Willen herstellt und ein großes Ganzes daraus schafft. Selbst Josef Stalin beherrschte Russland nicht als Staatsmann, sondern als „Väterchen“, so wie die Zaren vor ihm. Die Einbalsamierung von Lenins Leichnam durch Krassin u. a. wurde mit dem Hintergedanken durchgeführt, Lenins Körper in der Zukunft einmal wieder zum Leben zu erwecken.

Der erneute Ausbruch der Raskolniki-Ideologie ist daher kaum verwunderlich. Von Anfang an hatte sich der Bolschewismus mit der Realität der Raskolniki arrangiert, als einer Massenbewegung gegen die „Verwestlichungsanstrengungen“ verschiedener Zaren, Wittes und anderer. Lenin und einige seiner Mitarbeiter versuchten, den Einfluss und die Ideologie der Raskolniki „umzudrehen“, um eine bolschewistische Variante der „Verwestlichung“ einzuleiten. Die Ideologie der Raskolniki wurde jedoch nie völlig überwunden. In dem Maße, wie der Marxismus-Leninismus zurückgedrängt wurde, traten die alten kulturellen Rahmenbedingungen, wie sie von den Raskolniki repräsentiert wurden, wieder an die Oberfläche.

Aus diesem Grunde war das Angebot des amerikanischen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt an Josef Stalin vielleicht genial. Er bot der Sowjetunion eine Öffnung gegenüber dem Westen an, die darauf beruhte, ihr Zugang zu den Vorzügen westlicher Technologie zu gewähren. In einer Situation, in der die Sowjetunion diese Hilfe dringend brauchte, arbeitete Roosevelt darauf hin, jene byzantinisch-slawische Isolation zu durchbrechen, die den slawischen Fremdenhass nährte, und jene Tendenzen in Russland zu stärken, die vielleicht auf eigene Art und zu ihrer Zeit etwas Nützliches aus Lenins geradezu „amerikanischer“ Idee „Sozialismus ist Elektrifizierung plus Sowjetmacht“ hätten machen können. Doch statt Roosevelts langfristige Strategie beizubehalten, begann der Westen ein gefährliches Spiel mit „Zuckerbrot und Peitsche“, das Russlands Isolierung und Haß auf den Westen nur noch verstärkte. Als scheinbar einziger Ausweg aus einer feindlichen Umgebung, die früher oder später zum Atomkrieg führen musste, wurden der sowjetischen Führung Bertrand Russells Weltreich-Spielchen offengelassen.

Bertrand Russells bösartiges Spiel fiel auf den jahrtausendealten Nährboden byzantinischer Kultur in Russland und brachte das Potenzial der Raskolniki-Strömungen, die unter der Oberfläche der Bolschewiki gärte, wieder an die Oberfläche. Der Erfolg war verblüffend: Dem Westen gelang es nach Russells Rat, die schlummernden Kräfte des Dritten Rom in der sowjetischen Führung und Bevölkerung zu wecken.

Die leninistische Form der marxistischen kulturellen Rahmenbedingungen war etwas, mit dem der Westen hätte erfolgreich verhandeln können, was in allen Bereichen langfristig Früchte getragen hätte, denn diese Strömung war antimalthusianisch und auf „Verwestlichung“ aus. Lenin selbst unterbreitete durch seinen Vertrauten Tschitscherin dieses Angebot bei den Rapallo-Verhandlungen. Zugegeben, Lenin und Tschitscherin spielten die Friedrich-Naumann-Karte, doch das ändert nichts. Das Angebot hätte um seiner selbst willen angenommen und nicht aufgrund von Haarspaltereien wegen seiner direkten und indirekten Urheber zurückgewiesen werden sollen. Der westlichen Zivilisation stellt sich seit Karl dem Großen die Aufgabe, die byzantinische kulturelle Vergangenheit in Osteuropa, dem Balkan usw. zu überwinden. Sobald der Osten den technologischen Fortschritt als Grundlage der Zusammenarbeit mit dem Westen zum beiderseitigen Nutzen akzeptiert, werden andere positive Entwicklungen, auf die wir hoffen, zu gegebener Zeit eintreten.

W. I. Lenin bei einer Rede vor Arbeitern. Lenins Politik war „Sozialismus ist Elektrifizierung plus Sowjetmacht“.

Wir haben jedoch für die Sowjetunion eine Umgebung geschaffen, die dort ein „Frankenstein-Monster“ heraufbeschwor. Durch unsere blinde Idiotie, eine „Religion“ nur deshalb zu unterstützen, weil sie „Religion“ war, ohne zu untersuchen, was sie in der Menschheitsgeschichte bedeutet, und ohne den gnostischen Charakter dieses Pseudochristentums und seiner heidnischen Vorläufer zu erkennen, zerstörten wir einen schwachen und ohnmächtigen Gegner, den Marxismus, und ersetzten ihn durch einen mächtigen und weit gefährlicheren Gegner, ein Russland, das der Doktrin des Dritten Rom anhängt.

Sie hassen uns, weil wir „Westler“ sind, wie es Philotheus von Pskow in seiner Prophezeiung vom Dritten Rom darstellte. Sie nutzen die gnostischen Strömungen unserer westlichen Kirchen aus und unterstützen sie dabei, uns von innen her zu zerstören; dabei sind sie ein Bündnis mit den Freimaurer-Netzwerken der Sufis und der Nazi-Internationale eingegangen, um den „islamischen Fundamentalismus“, der sich vorgeblich gegen die Sowjetunion wendet, in ein wirkungsvolles Instrument gegen den Westen zu verwandeln. Dieses „Frankenstein-Monster“ wurde von uns geschaffen, indem wir einer Nation ein neues römisches Reich vorschlugen, für die dieser Vorschlag die Weltherrschaft des „Dritten und letzten römischen Reiches“ signalisiert.

So haben wir Bertrand Russells großen Traum vom „internationalen Sozialismus“ in einem Weltreich verwirklicht, und ein böses Erwachen steht bevor.