Ein System fester Wechselkurse

Angesichts der herandrängenden allgemeinen Zusammenbruchskrise des weltweiten, monetären Finanzsystems wird die Zivilisation auf der Erde nicht mehr lange überleben können, wenn wir nicht umgehend zu einem System relativ fester Wechselkurse zwischen vollständig souveränen Nationalstaaten zurückkehren – eine Rückkehr zu einer Welt, deren wirtschaftliche Angelegenheiten ähnlich geordnet sind wie in Präsident Franklin Roosevelts ursprünglichem Bretton-Woods-System. Die einzig vernünftige Antwort auf die Krise wäre jetzt ein allgemeines Konkursverfahren für das System, eine Sanierung, bei der man im Grundsatz so vorgeht, wie Präsident Roosevelt es im März 1933 tat.

Ein Dialog der Kulturen, der die unverzichtbare Rolle dieser Arrangements zur Abhilfe nicht versteht, bedeutete angesichts der drohenden Umstände einer allgemeinen Zusammenbruchskrise der heutigen Welt praktisch nur ein Absegnen einer mehr oder weniger unmittelbaren, weltweiten Katastrophe für die ganze Menschheit. Ohne die Notmaßnahmen, deren Grundsätze ich in den vorangegangenen Teilen dieser Denkschrift dargelegt habe, würde ein Dialog der Kulturen rasch zu einem nutzlosen Sammelsurium verkommen, und der Dialog selbst wäre bald von der Tagesordnung ernsthafter Bemühungen gestrichen.

Das wesentliche Konzept, auf dem die Gestaltung und Wirksamkeit eines Systems fester Wechselkurse wie dem erfolgreichen ursprünglichen Bretton-Woods-System beruht, ist die absolut souveräne, nationalstaatlich verfasste Republik. Leider wird dieses Konzept außerhalb der maßgeblichen Strömungen klassischen Denkens der europäischen und amerikanischen Geschichte kaum verstanden. Alle Partner des Dialogs der Kulturen müssen diese Konzepte, die der asiatischen Kultur bis vor kurzem axiomatisch weitgehend fremd waren, klar verstehen und sich zu eigen machen, wenn dieser Dialog die gesteckten Ziele erreichen soll.

Nehmen wir beispielsweise die Tendenz zu der Vorstellung, aufgrund des derzeitigen Versagens der europäischen und vor allem der US-amerikanischen Kultur müsse diese nun vom asiatischen Denken abgelöst werden, jedenfalls sehr weitgehend. Solche Vorstellungen spiegeln bestenfalls ein leider weitverbreitetes romantisches Missverständnis der Weltgeschichte wider – dabei wurde noch nicht verstanden, dass die Geschichte nicht von einfachen Leidenschaften des Individuums, sondern von Prozessen bestimmt wird.

Das akute Problem liegt dabei darin, dass die historische Tatsache nicht verstanden wird, dass nicht irgendeine Nation, sondern das von der Venezianischen Partei 1971-72 in seiner gegenwärtigen Form geschaffene weltweite, monetäre Finanzsystem die Bedingungen geschaffen hat, an die sich alle Teile der Welt angepasst haben. Obwohl eigentlich offensichtlich, wird nicht erkannt, dass alle Teile der gegenwärtigen Weltkultur mehr oder weniger gleich schuldig sind, weil sie seit 1971 – widerstrebend oder nicht – bei diesem mörderischen weltweiten, monetären Finanzsystem jahrzehntelang mitgemacht haben. Das Problem ist nicht, dass irgendein Land krank ist, sondern dass sich derzeit alle einig sind, zusammen krank zu sein.

Bevor wir uns den konkreten Einzelheiten der Gestaltung eines solchen Systems fester Wechselkurse zuwenden, müssen wir deshalb das einigende und daher implizit auch monotheistische Element in dem kulturellen Unterbau beleuchten, der die Schaffung einer sich selbst erhaltenden Ordnung souveräner nationalstaatlicher Republiken, die man für einen erfolgreichen Dialog der Kulturen braucht, erst möglich macht.1

Das bedeutet, jedenfalls implizit, dass die wahrhaft souveräne nationalstaatliche Republik nicht ausschließlich von ihrem autonomen Willen ausgehen soll – wie es etwa die Verrückten in der Regierung Bush fortwährend versucht haben – und es unter den gegenwärtigen Bedingungen auf der Welt auch nicht kann. Wahre Souveränität gibt es nur, wenn sich das Land bewusst und willentlich dazu entschließt, sich für das Wohlergehen aller Länder und Völker zu verwenden.

Der Westfälische Frieden von 1648 veranschaulicht dieses naturrechtliche Prinzip zwischenstaatlicher Beziehungen: Wenn sich der Souverän an den Tisch der Weltpolitik setzt, muss seine erste Sorge sein, welche Folgen die Entscheidungen für alle Nationen der Erde haben, erst an zweiter Stelle kommen seine eigenen Interessen – so wie man es beim Westfälischen Frieden verstanden hat. Das war der Unterschied zwischen den Erfolgen des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der das Schicksal seiner Nation mit der Zukunft der ganzen Welt verband, und dem erbärmlichen Versagen seines neokolonialistischen unmittelbaren Nachfolgers. Ohne dieses Prinzip des Westfälischen Friedens würde jede Vereinbarung mehr oder weniger rasch in einem Meer von Heteronomie untergehen. Diesem grundsätzlichen Gedankengang will ich nun weiter folgen.

Westfälischer Friede
Der Westfälische Friede von 1648 beendete den barbarischen Dreissigjährigen Krieg, der Europa vollends verwüstet hatte. Quelle: Wikipedia Commons

Als erstes müssen wir mit der Illusion aufräumen, Fragen der „Kultur“ ließen sich von wirtschaftlichen Fragen trennen, oder man könne von irgendwelchen ökumenischen kulturellen Werten, auf die man sich geeinigt hat, sinnvolle wirtschaftliche Grundsätze ableiten. Zugegeben, heute existiert leider die Politik des anglo-holländischen Liberalismus gemeinsam mit den Überresten des Besten der europäischen, klassischen Kultur – aber die beiden sind Todfeinde. Es ist ein Arrangement, in dem eine gequälte klassische europäische Kultur noch lebt, aber “liberal” gefesselt ist. Sie singt manchmal schön, aber es ist der Gesang der Insassen des Kerkers des Liberalismus, wie der Gefangenenchor in Beethovens Fidelio. Doch unabhängig davon, was man über vergangene Zustände der Welt sagen kann: Wenn wir die Gesellschaft nicht nach den Grundsätzen ordnen, die ich in dieser Denkschrift und an anderer Stelle hervorhebe – so wie sie sich im Amerikanischen System der politischen Ökonomie ausdrücken –, dann besteht keine Aussicht auf einen glücklichen Ausgang eines Dialogs der Kulturen in der heutigen Welt.

Der für manche vielleicht geheimnisvolle und versteckte Zusammenhang zwischen der klassischen Kultur und der Volkswirtschaft des Amerikanischen Systems liegt im Bereich des lebenden Worts – so wie ich das weiter oben in dieser Schrift dargelegt habe. Dieser Gegenstand, das lebende Wort, berührt den universellen Kern der menschlichen Natur und definiert deshalb, was eine richtige Ordnung der menschlichen Beziehungen in allen Bereichen menschlichen Daseins an verschiedenen Orten und Zeiten in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist, und was nicht. Volkswirtschaft im Sinne des Amerikanischen Systems ist im Grunde nichts Exklusives jeder einzelnen Kultur, sondern der grundsätzliche Unterschied zwischen Mensch und Tier. Typisch für die Funktion dieses Systems von Beziehungen ist der wissenschaftlich-technische Fortschritt als unverzichtbare äußere Begrenzung, innerhalb derer die mögliche Quantität und Qualität des Daseins aller Teile der menschlichen Bevölkerung festgelegt werden.

Dieses Verständnis steht natürlich im völligen Gegensatz zu dem falschen Menschenbild eines Hobbes und Locke, wie es die Liberalen und auch andere vertreten. Tatsächlich ist es nichts anderes als das prometheische Menschenbild. Von diesem Verständnis hängt unter den heutigen gefährlichen Krisenbedingungen auf der Erde das zukünftige Wohlergehen der Menschheit ab.

Das System fester Wechselkurse ist zugegebenermaßen kein Naturprinzip. Es ist nur die angepasste Anwendung des Prinzips auf eine konkrete Situation, die in der Zeit des alten Bretton-Woods-Systems gegeben war und auch heute gegeben ist – die bislang einzige Möglichkeit, dieses Prinzip unter den derzeit herrschenden Bedingungen auf der Welt praktisch anzuwenden. Nichtsdestoweniger ist es ein praktischer aktueller Ausdruck eines gültigen Naturprinzips, welches daher am Ende den Sieg davontragen wird. So und nicht anders sollte man das verstehen.

Da es aber für die Beziehungen zwischen Nationen und Völkern entscheidend ist, ob ein System wie das von der Regierung Roosevelt vorgesehene errichtet wird oder nicht, kann es einen erfolgreichen Dialog der Kulturen nur geben, wenn die allgemeine Auffassung von Kultur dieser dringenden Notwendigkeit eines Systems fester Wechselkurse nicht widerspricht. Es gibt keine funktionierende Uhr auf der Welt, deren Inneres ihrem Äußeren gleicht, das der Betrachter bewundert. Das zu verstehen, bildet nun einen unverzichtbaren Bezugspunkt, um auf einen erfolgreichen Ausgang des eigentlichen Dialogs hinzusteuern.

Die Rückkehr zu einem System fester Wechselkurse wäre nur der Anfang. Solche Reformen des weltweiten, monetären Finanzsystems sind unmittelbar zwingend geboten, doch zusätzlich erfährt die Welt derzeit grundlegende Veränderungen, deren Auswirkungen weit über das hinausgehen, was die derzeit maßgeblichen Institutionen bisher wissen wollen. Man sollte in der Wiedereinführung eines Systems fester Wechselkurse nur einen mehr oder weniger permanenten Eckstein sehen, auf dem weitere erfolgreiche, manchmal radikale Anpassungen an kommende Veränderungen aufgebaut werden müssen.

Mit einer solchen Eröffnung dieses Kapitels möchte ich den Leser vorwarnen – aber nicht, um ihn zu erschrecken: Wenn wir uns nun der Frage der inneren Dynamik einer neuen Weltordnung getrennter, aber zusammenarbeitender souveräner nationalstaatlicher Republiken zuwenden, haben wir es mit etwas zu tun, das in seiner vollkommenen Form wie ein schönes und erhabenes Ganzes wirkt, aber auch einfach erscheint – und so etwas schafft man nur durch einen wunderbar kunstvoll wirkenden Kontrapunkt.

Am Ende, nachdem wir über diese paradoxe Seite der Angelegenheit gründlich nachgedacht haben, sollten wir uns vor Augen führen, dass dieser Kontrapunkt zugleich auch widerspiegelt, wie der menschliche Geist sein Bestes geben kann – jener Geisteszustand, auf den sich Leibniz’ „beste aller möglichen Welten“ bezieht. Der Mechanismus, durch den man diese Gewissheit erreicht, als einzelner am ganzen Universum teilzuhaben, spiegelt sich in Leibniz’ Angriffen auf die bösartige Unwahrheit in John Lockes Abhandlung über den menschlichen Verstand wider. Leibniz geht davon aus, dass eine Gesellschaft nur dauerhaft bestehen kann, wenn sie fest entschlossen ist, die Glückseligkeit des Menschen als im Kern unsterblichem Wesen zu fördern – so wie ich es weiter oben für das Verfassungsprinzip des Gemeinwohls dargelegt habe. Das Konzept einer Gemeinschaft souveräner nationalstaatlicher Republiken als funktionelle Einheit drückt also die natürliche einheitliche Wirkung aus, die bei der Erschaffung der menschlichen Natur als Gattung eines unsterblichen Wesens von Anfang an implizit beabsichtigt war.

Es ist daher von entscheidender Bedeutung, zu wissen, dass das Amerikanische System der politischen Ökonomie das Ergebnis der Zurückweisung des entgegengesetzten liberalen Systems war, das sich heute immer noch auf die gleichen Lockeschen Argumente beruft wie damals die Sklavenhalter der Südstaaten: die sklavereifreundliche Idee von „Besitzerrechten“ oder „Shareholder value“, das Lockesche Prinzip des Wuchers im IWF-System seit 1972. Es war die gegen Locke und den britischen Liberalismus gerichtete Kultur, die Benjamin Franklin verkörperte und die maßgeblich von Gottfried Wilhelm Leibniz beeinflusst war, aus der das von Finanzminister Alexander Hamilton beschriebene Amerikanische System hervorging.

Das heißt, es besteht eine natürliche, grundsätzliche Wechselseitigkeit zwischen dem humanistischen Verständnis von Kultur und Wirtschaft – ein Zusammenhang, der in dem Unterschied zwischen Mensch und Tier wurzelt, der sich, wie oben erklärt, in der Funktion des lebenden Wortes ausdrückt.

Um zu verstehen, was jetzt geschehen muss, sollte man daher wissen, dass der moderne souveräne Nationalstaat als Institution zwar erst vor wenigen Jahrhunderten in Europa entstanden ist, dass aber die Vorstellung des Menschen als unsterbliche Persönlichkeit von Anfang an das universelle Naturprinzip einschloss, dass eine solche Institution einmal für die moderne Welt notwendig sein würde. Dass der souveräne Nationalstaat erst sehr spät in der Entwicklung unserer Gattung entstand, ist nur ein Ausdruck davon, dass die Menschheit in ihrer kulturellen Entwicklung ziemlich lange in einem beklagenswert kindischen Zustand verharrte. Folglich besteht die eigentliche Aufgabe eines Dialogs der Kulturen heute darin, die maßgeblichen Teile der Menschheit dringend von den Fesseln kultureller Gewohnheiten zu befreien, die man gewissermaßen als die Kinderkrankheiten der bisherigen menschlichen Kultur auffassen kann.2

Die wissenschaftlichen Prämissen dieser Sichtweise – in der einige zu Unrecht eine bestreitbare Behauptung sehen werden – wurden an früheren Stellen dieser Schrift schon weitgehend dargelegt, insbesondere im Zusammenhang mit dem Begriff des lebenden Worts. Aber wir haben jetzt den Punkt erreicht, wo wir die entscheidende praktische Bedeutung dieses Prinzips noch besser deutlich machen müssen, auch wenn einige Leser damit nicht ganz oder auch überhaupt nicht einverstanden sein mögen.

Der Grund dafür, warum die souveräne nationalstaatliche Republik erforderlich ist, liegt – wie ich gerade noch einmal betont habe – in der Überschneidung des universellen Naturprinzips der Erkenntniskraft der Individuen mit der Funktion des lebenden Worts als dem Medium, in dem universelle Naturgesetze und ähnliche Prinzipien innerhalb der Gesellschaft vermittelt werden. Diese Überschneidung definiert die Noosphäre im Sinne Wernadskijs.

Eben aufgrund dieser Besonderheit definiert sich die individuelle menschliche Existenz die eines Menschen und nicht eines Tieres – obwohl der Mensch die sterblichen Eigenschaften eines Tieres (Säugetieres) hat – durch das Unsterbliche in ihm, das in seiner Erkenntniskraft zum Ausdruck kommt und von dem sein Fortbestehen abhängt. Trotz aller Feindschaft gegen die Idee der Existenz dieser Erkenntniskräfte – freilich bestreiten hartgesottene Reduktionisten leidenschaftlich ihre Existenz3 –, müssen wir die Existenz der menschlichen Gattung funktionell ganz außerhalb und über der Kategorie tierischen Lebens definieren. Es ist dieses Unsterbliche im Leben des Individuums – seine schöpferischen Fähigkeiten, seine Seele, die in diesem Sinne zu verstehen ist –, was den Menschen vor allen anderen Lebewesen auszeichnet.4

Deshalb muss die innere Ordnung einer Gesellschaft, die den Erfordernissen des einzelnen und damit auch seiner ganzen Gattung genügt, dem Grundgedanken folgen, den ich oben als das lebende Wort beschrieben habe.

Das ist die wesentliche Grundlage eines erfolgreichen Dialogs der Kulturen.

Das bedeutet, die Gesellschaft sollte so organisiert sein, dass die Menschen, die gemeinsam eine bestimmte Sprache sprechen, Ideen (lebende Wörter) untereinander vermitteln können. Diese Sprache verfeinert sich dann ständig im Kontext anderer kultureller Eigenheiten, wie etwa dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt in der Wirtschaft, der mit dem Gebrauch dieser Sprache zusammenhängt.

Den Heimatboden für Ironie im höheren Sinne bilden für die Mitglieder einer bestimmten Kultur die Anspielungen, die alle Benutzer dieser Sprache verstehen können – das angesammelte Erbe der bekannten und möglichen neuen Ironien beim Gebrauch einer Sprache, die als Typus im wesentlichen auf einer bestimmten Landfläche mit bestimmten Gebräuchen verwendet wird. Diese Ironien, auch die Ironien der Geschichte eines Volkes, sind der Ausdruck der mehr oder weniger allgemein zugänglichen Erfahrungen der Sprecher einer Hochsprache zu einer bestimmten Zeit, was den gemeinsamen Boden für einen reichen Gedankenaustausch ironischer Art zwischen den Menschen liefert. Aus dieser Ansammlung von Ironien innerhalb einer bestimmten Kultur schöpfen wir die Paradoxa, über die man Ideen mit den Eigenschaften lebender Wörter erzeugen kann.

In ihren weniger geistvollen Teilen sind die Sprachen, wie wir sie kennen, Gegenstand der Sinneswahrnehmung: Sehen, Hören usw. Aber das eigentlich Menschliche an diesen Sprachen ist ihr kognitiver Inhalt aus dem Bereich des lebenden Worts; das unterscheidet sie vom Geplapper sprechender Papageien und mancher Beos, sturer Grammatiker und man könnte auch sagen, Anhängern der Professoren Norbert Wiener und Noam Chomsky. Hier, in diesem Reichtum des lebenden Wortes, liegt das Gemeinsame der ganzen Menschheit.

Wie aber diese lebenden Wörter als Ausdruck wahren Wissens auftauchen, hängt davon ab, wie sich das entfaltet, was man Platons sokratische Dialektik nennen kann, denn jede einzelne Kultur hat ihren besonderen Weg, eine solche Dialektik zu entwickeln. Das Wissen ist der gemeinsame Berg, den alle Kulturen erklimmen müssen, aber jede tut dies auf einem eigenen Weg und von einem anderen Ausgangspunkt aus. Das Potential für eine ökumenische Verständigung auf gemeinsame Grundsätze liegt im Bereich des lebenden Worts, und nicht in den Bereichen wie den grotesken Nachahmungen menschlicher Laute von Papageien, Computerklängen oder einer grammatikalischen Algebra.

Die Trennung in nationale Kulturen ist deshalb unbedingt notwendig, weil unser Geist lebende Wörter hervorruft, indem er sich mit den Paradoxa befaßt, die er in einer bestimmten Sprachkultur schlummernd vorfindet. Hinderte man einen Teil der Menschheitsfamilie daran, diesen Entwicklungsvorgang zur Kenntnis lebender Wörter auf diese souveräne Weise zu erleben, so würde man ihm damit den Zugang zu den Mitteln abschneiden, durch die er Kenntnis der gemeinsamen Wahrheiten erwerben kann, die seine Teilhabe an lebenden Wörtern darstellt.

Der Gedanke eines Weltreiches, oder, was praktisch das gleiche ist, der Globalisierung, bedeutet schon an sich, allen Teilen der menschlichen Kultur ihre Menschlichkeit zu verweigern.

Anders gesagt, die Frage der Kultur ist die Frage nach der Wahrheit in dem Sinne, wie die platonische, dialektische Methode einen Maßstab für Wahrhaftigkeit liefert: nicht die absolute Wahrheit bestimmter Ideen des Augenblicks, sondern Wahrheit in dem Sinne, frei zu sein von den Folgen gewissenloser Mißachtung der Begriffe der Wahrhaftigkeit, die am besten durch das Konzept beschrieben werden, das ich hier als das lebende Wort bezeichne. Wenn wir Wahrheitsliebe sagen, sollten wir darunter verstehen: „das dem derzeit Wissbaren angemessene“. Selbst wenn eine Behauptung formal richtig ist, hat das, was man glaubt, ohne einen Maßstab der Wahrheitsliebe keine Wahrheit, und die Folge ist, dass die Gesellschaft von einer katastrophalen Ungewissheit sophistischer Art in die nächste torkelt. Wahrhaftigkeit in der Politik hängt also davon ab, die Bevölkerung in jeder Kultur in den hier zusammenfassend beschriebenen Vorgang einzubinden. Man bringt Kulturen zusammen, indem man die gemeinsame Erfahrung lebender Wörter hervorruft – mit den Mitteln, die dem gemeinsam Erfahrenen oder jedenfalls Erfahrbaren angemessen sind.

Daher darf der Anspruch kein Kompromiss divergierender Meinungen sein, sondern die Suche nach den höheren Wahrheiten, die als lebende Wörter existieren, in denen unterschiedliche Kulturen für ein gemeinsames Ziel zusammenlaufen müssen. Dieser Punkt läßt sich noch einmal wie folgt anders formulieren.

Diese Ideen können auch demjenigen zugänglich sein, der eine Fremdsprache spricht bzw. mit einer anderen Sprachkultur vertraut ist, aber die Art und Weise, wie er die Ideen in seinem Geiste bildet, findet notwendigerweise ihre Grundlage in den Ironien, die in seiner eigenen Sprache erzeugt werden können. Allerdings werden Ideen, die gültig sind, in jeder Sprachkultur neu zugänglich sein, sofern diese ausreichend entwickelt ist.

Ohne Zugang zu diesem angesammelten Schatz vorhandener und möglicher Ironien ist die Entwicklung gemeinsamer lebender Wörter abgebrochen, wenigstens zu einem funktionell bedeutsamen Grad. Gleichermaßen wird eine Bevölkerung, die mit diesen Funktionen der Ironie im Gebrauch der eigenen Sprache nicht vertraut ist, nicht wirklich fähig sein, als wahre Bürger an dieser Nation teilzuhaben bzw. die Art von Ideen, die die Voraussetzung dafür bilden, zu bewältigen. Praktisch könnte man sagen, die Mitglieder einer Gesellschaft, denen diese Entwicklung der Erkenntniskraft fehlt, sind „verdummt“.

Diese Unterschiede innerhalb einer Kultur und zwischen Kulturen stammen aus Verbindungen, die eine Vorgeschichte haben. Diese Verbindungen zwischen Kulturen sind Geschichte. Betrachten wir kurz einige entscheidende Auswirkungen davon aus der jüngeren Geschichte, die für uns hier von Belang sind. Beginnen wir mit einer der wichtigeren unangenehmen Tatsachen.

Nicht „Information“ gegen die Menschheit …

Diese Art der Verständigung, die sich angemessen über das ironische Medium lebender Wörter ausdrückt, ermöglicht es einem Volk, über den eher tierischen, bloßen Informationsaustausch hinauszuwachsen, zu dem es die tückische Informationstheorie erniedrigen will. Wir sprechen von den bösartigen, reduktionistischen Lehren, die im Laufe der etwa drei Generationen seit dem Ende des sog. Zweiten Weltkriegs den einzelnen und seine sozialen Beziehungen tendenziell entmenschlichen.

Leute wie der Brite Bertrand Russell und seine Anhänger haben diese Lehre von der Information bewusst entworfen, um den Zugang zu einer gebildeten Sprache zu verbauen und die sozialen Beziehungen unter den Menschen in einen Zustand zurückzuversetzen, der dem im ultramontanen mittelalterlichen Europa ähnelt. Typisch für diese hasserfüllten Absichten ist noch heute das, was der Kongress für kulturelle Freiheit (CCF) der Zivilisation und den heute lebenden Generationen in Europa, Nord- und Südamerika an kulturellem Übel zugefügt hat.

Nehmen wir den Fall des heutigen Deutschland.

Alle positiven Errungenschaften der deutschen Kultur, beispielsweise von Nikolaus von Kues, Gottfried Wilhelm Leibniz und Bach, sind in der klassischen humanistischen Tradition etwa von Kästner, Lessing, Mendelssohn, Haydn, Mozart, Beethoven, Schiller und den berühmten Gebrüdern Humboldt verkörpert. Dass man nach 1945 wieder an Humboldts Bildungsreform für klassische humanistische Bildung anknüpfte, ist typisch für die erfolgreichen Bemühungen um den Wiederaufbau Deutschlands unter Staatsmännern wie Konrad Adenauer. Aber weil ein Rudel Hyänen wie der CCF, das in den Vereinigten Staaten und Großbritannien angeworben und unter der Leitung von Leuten wie Hochkommissar John McCloy in Europa eingesetzt wurde, Deutschlands moralische Wiedergeburt der Nachkriegszeit zerstört hat, gibt es heute kaum noch eine lebendige Kultur in Deutschland.

Kongreß für kulturelle Freiheit
Der Kongreß für kulturelle Freiheit war eine Propagandaaktion des CIA und schuf die kulturellen Vorbedingungen für die folgende 68er-Revolution. Der erste Kongreß (im Bild) fand in Berlin 1952 statt.

Beispielhaft hierfür ist die Geschichte der vergangenen 15 Jahre in dem Teil Deutschlands, der früher von den Sowjets besetzt war. Die sowjetische Besatzungsmacht mischte sich in klassische Bildung und Kultur nicht ein und förderte sie sogar. Als die Berliner Mauer fiel, fielen die Apostel des CCF in Ostdeutschland ein wie Kriegsgewinnler oder die Horden Dschingis Khans und zerstörten das produktive Potential in diesem Teil Deutschlands, z. B. in Sachsen, in einem solchen Maße, dass jetzt ganz Deutschland an den Folgen zerbrechen kann, wenn man dies nicht entsprechend wieder in Ordnung bringt. Wer sich ein wenig mit der betreffenden Geschichte auskennt, der fühlt sich erinnert an die seuchenartige Ausbreitung der Moral der Gegenkultur und den existentialistischen geistigen Niedergang in der Weimarer Republik vor Hitler, die der Nazi-Tyrannei in kultureller Hinsicht den Weg bahnten.

Heute überschneidet sich diese moralisch-geistige Zerstörung der klassischen Kultur Kontinentaleuropas mit den Auswirkungen der utopischen Pläne Bertrand Russells und H. G. Wells’ zur Zerstörung der Zivilisation. Diese Pläne erinnern daran, wie der olympische Zeus Prometheus verurteilte und foltern ließ. Die Verbreitung der Syphilis namens Informationstheorie hat wesentlich mit dazu beigetragen, den Geist und die Moral einer zwar zugegebenermaßen mit Fehlern behafteten, aber doch einst blühenden Zivilisation zu zerstören.

Ich habe schon weiter oben darauf hingewiesen, dass die Grundlagen von Russells Argumentation in axiomatischer Hinsicht ganz denen des Empirismus entsprechen, den der erklärte Anhänger des Wilhelm von Ockham, Paolo Sarpi, eingeführt hatte. Diese Lehre, die Russell später in radikalerer, noch dekadenterer Form vorlegte, wurde durch Sarpis Hausdiener Galileo Galilei und Anhänger Sarpis und Galileos wie Sir Francis Bacon und Thomas Hobbes im ganzen neuzeitlichen Europa verbreitet. Russell hätte mir darin stolz beigepflichtet, und sei es nur, weil ich in dem Punkt sein Todfeind bin.

Der Unterschied zwischen Sarpi von der Neuen Partei in Venedig und dem Neuaristotelismus Francesco Zorzis von der Alten Partei – der Heiratsvermittler des englischen Königs Heinrichs VIII. und Feind des Nikolaus von Kues – ist wie schon gesagt der: Sarpi erkannte, dass man den neuzeitlichen Nationalstaat, wie er während der Renaissance des 15. Jahrhunderts entstand, nicht einfach ungeschehen machen konnte, indem man die Uhr zu dem mittelalterlichen, ultramontanen System zurückdreht, das im finsteren Zeitalter des 14. Jahrhunderts untergegangen war.

Wie ich oben darlegte, erkannte Sarpi, dass man die Wirkung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, den die Renaissance ausgelöst hatte, allein schon aus strategischen Erwägungen heraus nicht einfach wieder rückgängig machen konnte, wie das seine rechtsgerichteten aristotelischen Rivalen von der Alten Partei in Venedig forderten.5 Sarpi und Galilei waren sich einig, dass man technischen Fortschritt auch gegen den Widerstand der Geschöpfe des kulturellen Sumpfes, die immer noch dem Erbe des Betrügers Claudius Ptolemäus anhingen, hinnehmen müsse; aber sie wollten, dass das Wissen über den Weg zur Erkenntnis grundlegender Prinzipien aus den Händen und Köpfen der Menschen herausgehalten wird – sogar derer, die mit den Erzeugnissen des technischen Fortschritts arbeiteten. So wurde aus dem Empirismus, wie ihn das Werk und Erbe von Descartes verkörpert, eine quasi religiöse Lehre des französischen und anglo-holländischen Liberalismus der Venezianischen Partei des 18. Jahrhunderts, der Strömung, die bis heute den politischen Liberalismus prägt.

Das Sprungbrett für Russells Schwindel der Informationstheorie war die britische Ideologie, d. h. der Empirismus der Nachfolger Paolo Sarpis – also der anglo-holländische Liberalismus, der mit der britischen Venezianischen Partei des 18. Jahrhunderts verbunden ist.

H. G. Wells und Russell gingen noch über Sarpi & Co. hinaus; sie wollten die Geschichte nicht nur aufhalten, wie es die gewöhnlichen Empiristen taten, sie wollten das Rad der Geschichte so schnell wie möglich in eine Art Steinzeit zurückdrehen. Das Merkmal ihrer Weltsicht war, dass sie den durch Nationalstaaten vorangetriebenen wissenschaftlichen Fortschritt abschaffen wollten, aber dies ironischerweise mit Hilfe gewaltiger Massenvernichtungswaffen, wie atomarer und biologischer Kriegführung, ergänzt durch Naturkatastrophen, wie es erst Wells und dann noch ausdrücklicher sein erzaristokratischer Komplize Russell forderten. Sie stellten diesen Plan als das geeignete Mittel dar, die Richtung der neuzeitlichen Geschichte Europas und der Welt umzukehren.

Als geistigen Kern seines Beitrags zum Bösen entwickelte Russell das, was in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg als „Informationstheorie“ bekannt wurde. Das Prinzip hinter diesen Plänen tauchte in einer ersten Annäherung in Russells Teil der zusammen mit Alfred North Whitehead veröffentlichten Principia Mathematica auf. Die Weiterentwicklung dieser Denkweise geschah zur Zeit der Solvay-Konferenzen der 20er Jahre als Fortsetzung des brutalen Angriffs der Anhänger der logisch-positivistischen Weltanschauung Ernst Machs auf den Physiker Max Planck. Dieser Streit, der während des Krieges in Deutschland und Österreich-Ungarn ausbrach, setzte sich später im Zusammenhang mit der Frage der „Vollständigkeit“ in Russells Entwurf des Universums fort und trennte die Kreise um Kurt Gödel von Russell und dessen Anhängern wie John von Neumann, Norbert Wiener und ihren Komplizen und Anhängern. Ein bemerkenswertes Ergebnis dieser Schwindel war neben Russells Doktrin des „vorbeugenden Atomkriegs“6 der Betrug mit der Informationstheorie, der von den radikal positivistischen Ansichten in Russells Teil der Principia Mathematica abgeleitet war.

Russell und andere Sarpi-Nachfolger wollten den Gedanken unterdrücken, dass es universelle wissenschaftliche Prinzipien gibt, die Ausdruck der Lösung eines ontologischen Paradoxons (wie etwa Keplers Entdeckung der Schwerkraft) sind. Russells Methode in der Mathematik bestand darin, den früheren Angriff von d’Alembert, Euler, Lagrange, Cauchy und anderen auf Leibniz’ Entdeckung der Infinitesimalrechnung – sie hatten bestritten, dass etwas, das sie als angeblich rein „imaginär“ abtaten, physikalisch wirksam vorhanden sei – auf die Spitze zu treiben. Praktisch leugnete Russell die Existenz des komplexen Bereichs und beharrte auf dem Elfenbeinturmdenken eines numerischen Formalismus, der die Auffassung von Leibniz, Carl F. Gauß, Wilhelm Weber und Bernhard Riemann ausdrücklich bekämpfte.

Der schwere Schaden, den die Informationstheorie an den geistigen Fähigkeiten der gebildeteren Bevölkerungsteile anrichtete, bestand vor allem im zunehmenden Verlust der Fähigkeit, wirkliche Ideen zu entwickeln und auszudrücken. Mit anderen Worten: Die Fähigkeit der gebildeteren Schichten, das zu entwickeln und auszutauschen, was ich hier als lebende Wörter beschrieben habe, sollte eingeschränkt, möglichst sogar ganz zerstört werden. Diese Entgeistigung der gebildeten und anderer Schichten in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg lief sogar in der naturwissenschaftlichen Lehre weiter, parallel zu der systematischen Hirnschädigungsaktion namens CCF.

Die nicht ganz so schwer denkgeschädigten Opfer dieser Konditionierung durch Russellsche Einflüsse kennen meist – wie vorher Lagrange und Cauchy – die Stelle, an der die Entdeckung eines allgemeinen Naturprinzips stattfinden müsste; aber sie behaupten fest und steif, wir seien nicht fähig, die Entdeckung selbst auf den Begriff zu bringen. Die Anhänger Lagranges und Cauchys kannten die algebraische Formel, um sich der mit einer physikalisch-funktionalen Singularität verbundenen Zahl sehr stark anzunähern, aber das Prinzip an sich verstanden sie nicht. Dieser Geisteszustand bei der Verwendung von Sprache und ähnlichem Denken ist in formaler Hinsicht Schizophrenie vergleichbar. Es ist eine schlimmere Hirnschädigung als die, für die Gauß 1799 in seiner Dissertationsschrift Euler, Lagrange u. a. angriff.

Im Einzugsbereich der eifrigen Propagandatätigkeit des CCF gab es keinen Bereich der klassischen Komposition, dem nicht durch solche Brutalität Gewalt angetan wurde. Man denke etwa daran, wie das Boston Symphony Orchestra7 häufig im Dienste der Sache des CCF nach Europa geschickt wurde, als man daranging, die klassische Musiktradition in modernem und postmodernem Lärm zu ersticken. Im Endeffekt brachte diese breitgefächerte Massenindoktrinierung die Bevölkerung dazu, sich selbst immer mehr zu erniedrigen, bis sie nur noch Abbilder von Yahoos oder Beatles waren, zu nichts zu gebrauchen als zum Bespringen (von jemand oder etwas oder auch nur der Luft), wie glattrasierte Paviane, wie in Jonathan Swifts Gullivers Reisen beschrieben. Eben die Kultur der Massenunterhaltung im heutigen Amerika.

Gleichzeitig arbeiten die Anhänger der Russell-Verehrer Norbert Wiener und John von Neumann – wie die Professoren Marvin Minsky und Noam Chomsky am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und ihre Gesinnungsgenossen an ähnlich ausgerichteten Einrichtungen – darauf hin, wie H. G. Wells’ sagenhafter Dr. Moreau menschliche Intelligenz in Maschinen oder dem armen Versuchstier „Noam Schimpanski Chomsky“ hervorzubringen!

Wer ein solches Verhalten wie das von Wells, Russell und ihren Anhängern hinnimmt, kann offensichtlich nicht als jemand gelten, der in irgendeiner Weise einen Beitrag dazu leisten könnte, die Ziele eines Dialogs der Kulturen festzulegen. Der Dialog muß sozusagen auf „Mitglieder der Menschheit mit Mitgliedsausweis“ beschränkt sein. Die anderen kann man nur belustigt betrachten, wie man etwa Affen im Zoo betrachtet.

… sondern Sprache für den Fortschritt

Die eigentliche Definition der Prinzipien für die Gestaltung einer souveränen nationalstaatlichen Republik der Neuzeit kennen wir im wesentlichen über die sog. klassische griechische Tradition, deren Ursprünge mit Persönlichkeiten wie Thales, den Pythagoräern, Solon von Athen und Platon verbunden sind. Allerdings hat der Inder Tilak – sozusagen der Dante Alighieri des modernen Indien – überzeugend dargelegt, dass er und andere die Prinzipien des modernen souveränen Nationalstaats aus der Beschäftigung mit den antiken Veden gewonnen haben. Tatsächlich wurde nach unserem besten Wissen die Grundlage der Zivilisation der Neuzeit, wie wir sie heute erkennen können, in der miteinander verknüpften Entwicklung der Astronomie in verschiedenen Teilen der antiken Welt geschaffen. Das schließen wir heute aus Fragmenten antiker ägyptischer, indischer und chinesischer Quellen, aus verwandten Fragen transozeanischer und ähnlicher Navigation mit Hilfe des Sternenhimmels und aus dem offenkundig sehr alten Ursprung des Prinzips der Ironie in der klassischen Dichtkunst als mnemonischem Mittel des kollektiven Gedächtnisses eines Kulturvolks.

Aber die Entdeckung des Konzepts des souveränen Nationalstaats in Europa – die souveräne Nation, die auf dem Prinzip beruht, dass der Wille des Herrschers sich dem Gemeinwohl des ganzen Volkes unterordnen muss – wurzelt noch in etwas anderem, einer europäischen Idee.8

Der Ursprung dieser Idee rührt daher, wie der aus dem Griechischen übersetzte Begriff der Kräfte Ideen definiert – vergleichbar dem Begriff der Geistesmasse bei Herbart und Riemann, den Wolfgang Köhlers Gestaltpsychologie nur in grober Annäherung erfasst. Dieses Verständnis, welches die Griechen aus der ägyptischen Astronomie übernahmen (die Sphärik), ist von der Idee des Monotheismus praktisch nicht zu trennen. Es ist, wie ich in dieser Schrift mehrfach wiederholt habe, die Vorstellung des lebenden Wortes. Es ist der unbekannte Gott der Griechen, der Gott des prometheischen Universums und eigentliche Widersacher des Olymp und des pro-satanischen (d. h. pythischen) Apollokultes von Delphi.

Herbart, Riemann, Köhler
Die Geistesmasse als Ergebnis der Konzeptbildung des menschlichen Geistes: Johann Friedrich Herbart (1776–1841), Bernhard Riemann (1826–1866), Wolfgang Köhler (1887–1967)

Diese Entwicklungen in der Antike, wofür die Bedeutung der alten ägyptischen Astronomie für die Griechen als Sphärik beispielhaft ist, lieferten die Grundlage dafür, dass um das zunehmende Verständnis universeller Naturgesetze herum – ausgehend vom ägyptischen Erbe der europäischen Tradition im Werk von Thales, der Pythagoräer und Platons – nach und nach die neuzeitliche europäische Zivilisation entstand und sich weiterentwickelte. Diese Sammlung konstruktiv-geometrisch aufgefasster universeller Naturgesetze (Kräfte), im Gegensatz zu bloß algebraischen Formeln als Ersatz für Prinzipien, ist das Ergebnis eines Prozesses, den ich als das Erschaffen lebender Wörter definiert habe. Diese Vorstellung stimmt damit überein, wie sich Riemanns Begriff der Geistesmasse in der Naturwissenschaft anwenden lässt.

Wenn man die wesentlichen Grundlagen hierzu unterrichten will, sind für die Vermittlung des Begriffs, den wir aus dem Griechischen meist mit Kräfte übersetzen, die klarsten Beispiele diejenigen im Zusammenhang mit dem Einfluss der ägyptischen astronomischen Methoden, wie sie Pythagoräer wie Archytas von Tarent übernahmen und Platon in seinen Dialogen benutzte. Kräfte bedeutet hier das gleiche, was ich oben als lebende Wörter und als Verständnis eines physikalischen statt bloß mathematisch formalen komplexen Bereichs beschrieben habe. Riemann macht den Unterschied deutlich, wenn er in seiner Habilitationsschrift aus dem Jahr 1854 und in ausgearbeiteterer Form in seinem Werk über die tiefere Bedeutung der Abelschen Funktionen von Geistesmassen spricht.

Wenn wir auf diese Weise mit der Definition allgemeiner Naturprinzipien beginnen, sind wir dazu gerüstet, die Bedeutung des Prinzips der Ironie in der klassischen Kunst viel wirksamer darzustellen, als es sonst heute möglich ist. Wenn man so an die Kunst herangeht, taucht allerdings eine große Schwierigkeit auf: Sobald man auf diese Weise die Funktion klassischer Kunstprinzipien erkannt hat, sind für entgegengesetzte Kunstauffassungen implizit nur noch Bordelle verschiedener, auch akademischer Art zuständig.

Wie ich weiter oben umrissen habe, war es die Anwendung des Prinzips der klassischen poetischen Ironie, die es der Menschheit ermöglichte, eine Methode zur Vermittlung des Begriffs der Universalität des Menschen zu entwickeln, so wie dies sich durch das Medium des lebenden Wortes ausdrücken lässt. Die künstliche Trennung dieser Prinzipien der poetischen Ironie in der klassischen Kunst vom Verständnis universeller Prinzipien in der Naturwissenschaft – die Dichotomie, die C. P. Snow beobachtet hat – hat sich immer wieder als ein Fluch für die Entwicklung der europäischen Zivilisation erwiesen, für die beispielhaft das Aufgreifen der ägyptischen Tradition der Sphärik durch die Pythagoräer und Platon zur Definition der Begriffe der universellen Naturgesetze und ihrer Typen steht.

Unser Thema ist hier der Ursprung der souveränen nationalstaatlichen Republik der Neuzeit in einem klassischen, künstlerischen Verständnis von Sprache. Dieses Ziel ist zwar implizit schon in Solons Reformen in Athen und der Ermahnung an seine fehlgeleiteten Mitbürger enthalten, aber die Mittel, mit denen die neuzeitliche Republik in der europäischen Renaissance des 15. Jahrhunderts aus der Taufe gehoben wurde, sind eine weitaus komplexere Angelegenheit, als man aus einer Übersetzung von Solons anregendem Gedicht herauslesen kann. Dieser Gesichtspunkt ist hier und jetzt besonders wichtig, weil asiatische Kulturen im allgemeinen nicht wirklich verstehen, wie sich dieser Gedanke in der europäischen Zivilisation entwickelt hat. Dieses mangelhafte Verständnis verleitet zu einer gefährlich vereinfachten Auffassung der europäischen Wurzeln des souveränen Nationalstaats, vor der wir unsere Dialogpartner bewahren müssen.

In der neuzeitlichen europäischen klassischen Kultur der Gegenwart lässt sich der erfolgreiche Beginn der modernen Zivilisation in hohem Maße aus Dante Alighieris Argumentation für die Entwicklung und den Gebrauch der italienischen Sprache ableiten, die in seiner Schrift De monarchia die Grundlage seiner Forderung nach dem souveränen Nationalstaat bildet, und daraus, wie insbesondere Petrarca diese Auffassung der Sprache weitergeführt hat. Das ist ein hervorragendes Beispiel für die Bedeutung von Formen der Ironie, die am besten geeignet sind, lebende Wörter zu vermitteln, was Latein als römisch-imperiale Weltsprache nicht leisten konnte und auch nicht tat.9

Auch die Idee des neuzeitlichen europäischen, souveränen Nationalstaats, wie sie sich – hier und weiter oben beschrieben – entwickelt hat, ist ein lebendes Wort. Dieses Wort bezeichnet die Abläufe, die für eine Gesellschaftsform, wie ich sie hier zusammenfassend geschildert habe, kennzeichnend sind. Es bezeichnet den Kontrapunkt der Ironien, die das Lebende im Gegensatz zum bloß Formalen der Kultur eines souveränen Volkes ausmachen. Ein solches Verständnis der lebenden Wörter einer Kultur stimmt mit dem Gedanken des Monotheismus als Prinzip überein. Es ist jedoch nicht die Vorstellung eines extramundanen Gottes, der außerhalb des Universums schwebt, sondern der Personalität eines Schöpfergottes innerhalb des Universums, das Er immer weiter erschafft. Deshalb ist die Übersetzung des Johannes-Evangeliums sehr treffend, wenn es dort zu Beginn heißt: „Am Anfang war das Wort.“ Es bezeichnet die Vorstellung, dass die Entwicklung lebender Wörter in der transfiniten Gesamtheit des Prozesses des Hervorbringens gültiger lebender Wörter zusammenläuft. Als Theologie spiegelt es die Erkenntnis dieser Schöpferkraft wider, wie sie sich in der menschlichen Erfahrung von Ideen mit der Eigenschaft wahrer lebender Wörter vollzieht. Schöpferkraft (Kreativität), wie wir sie kennen, ist nur der unverletzlichen Souveränität des schöpferischen Willens des einzelnen eigen. Deshalb ist es unvermeidlich, dass wir in dem innewohnenden lebendigen Schöpfer dieses Universums eine Person erkennen, einen individuellen schöpferischen Willen, der in dem Bereich wirkt, den ich als lebende Wörter bezeichnet habe.

Daher ist die Autorität, die wir einem Nationalstaat mit Recht zusprechen können, mit dieser Gesellschaftsform verbunden, d. h. sie steht unter der Bedingung, dass sie der praktischen Bedeutung dieser Form entspricht. Das Ergebnis davon ist die Vorstellung eines universellen Naturrechts als Träger des Prinzips hinter dem praktischen Bemühen der Gesellschaft, aus der Kindheit der Menschheit zu einem erwachseneren Verständnis ihrer selbst, ihrer Ursprünge, Pflichten und Absichten voranzuschreiten.

Eine Prinzipiengemeinschaft

Der amerikanische Außenminister John Quincy Adams riet seinem Präsidenten James Monroe, einen vom britischen Minister Canning angebotenen Vertrag abzulehnen, weil es keine Prinzipiengemeinschaft zwischen den USA und England gebe. Stattdessen empfahl Adams in der als Monroe-Doktrin bekannt gewordenen Denkschrift, die Vereinigten Staaten sollten eine Prinzipiengemeinschaft mit den neu entstehenden Republiken auf dem amerikanischen Kontinent anstreben und auswärtige feindliche und imperialistische Kräfte der Zeit (das Britische Empire und das Habsburgerreich) mit Gewalt fernhalten, sobald es die Kräfte der USA erlaubten, die befreundeten Republiken auf dem amerikanischen Kontinent zu verteidigen. Wie Adams betonte, existierte in Bezug auf diese Politik keine Prinzipiengemeinschaft zwischen den USA und dem imperialen England (oder der restaurativen Ordnung um Fürst Metternich u. a.).

Auch wenn heute im In- und Ausland über Adams’ Doktrin und über Präsident Franklin D. Roosevelts Wiederaufnahme dieser Politik z. B. im Vertrag von Rio von Akademikern und anderen viele Lügen verbreitet werden, war und ist dieses Prinzip ein Erbe der Vereinigten Staaten schon aus der Zeit vor 1776.10 Es ist auch heute noch das einzige Prinzip wahren Eigeninteresses der USA als Republik. Es ist aus prinzipiellen Gründen das wissenschaftlich definierte Prinzip einer Politik im Eigeninteresse der USA, das auf eine wachsende weltweite Gemeinschaft souveräner, nationalstaatlich verfaßter Republiken anwendbar ist.

Adams’ ursprüngliche Ausarbeitung der Prinzipien der Monroe-Doktrin gehört in den realen geschichtlichen Zusammenhang des Zeitraums vom Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 bis zu den Folgen der Schlacht bei Gettysburg, als die weisesten Kreise in den USA ihr Interesse darin sahen, sich mit der Unmoral der großen Mächte Europas, wofür die mehr oder weniger rivalisierenden britischen und habsburgischen Interessen beispielhaft waren, nicht einzulassen.

Später, nach dem Sieg der Nordstaaten unter Präsident Abraham Lincoln über die von britischen Interessen gesteuerten konföderierten Südstaaten, und insbesondere seit Europa auf die amerikanischen Errungenschaften aufmerksam wurde, die bei der Weltausstellung in Philadelphia zur Hundertjahrfeier der USA gezeigt wurden, waren und sind die USA nicht nur eine Macht unter mehreren auf der Welt, sondern übernahmen zunehmend die Verantwortung einer Führungsrolle in den Weltangelegenheiten, auch weit über den amerikanischen Kontinent hinaus. Seit dieser Zeit ist die große Frage der Weltpolitik, ob das amerikanische Modell oder das britische Modell der entscheidende Katalysator für eine Ordnung der internationalen Beziehungen sein sollte, und das nicht nur regional, sondern weltweit.

Aus verschiedenen historischen Gründen sind die Interessen der anglo-holländisch-liberalen Finanzoligarchie – nicht die Macht einzelner europäischer Staaten – im Weltfinanz- und Währungssystem seit dem Tode Franklin D. Roosevelts immer mehr vorherrschend geworden. Im Gefolge der Ereignisse der Jahre 1962–64 und besonders seit 1971–72 wurden sogar die USA selbst praktisch zu einer Provinz des anglo-holländischen supranationalen, liberalen Weltreichs in seiner heutigen Form als IWF-System privater finanzoligarchischer Macht. Die USA waren und sind der mächtigste Nationalstaat der Erde, aber gleichzeitig wurden sie praktisch immer mehr eine Satrapie des anglo-holländischen liberalen Imperiums, also, ich sage es nochmals, der internationalen finanzoligarchischen Kräfte hinter dem IWF-System seit 1971. Wenn diese wesentliche Tatsache nicht zur Kenntnis genommen wird, ist eine Rettung aus dem heranstürmenden allgemeinen Währungs- und Finanzkollaps unwahrscheinlich. Im Unterschied zu allen anderen sind die USA als Nation am besten geeignet und in der besten Ausgangslage, die Macht dieses anglo-holländischen, liberalen Imperiums zu brechen.

Das ist die harte Wahrheit, und alle Einwände dagegen sind entweder bloß ohnmächtig oder sogar regelrecht böswillig. Das ist der Knackpunkt, hiervon hängt ab, ob ein Dialog der Kulturen Erfolgsaussichten hat oder scheitern muss.

Angenommen, genügend Kräfte sind weise genug, so zu handeln, wie es diese Sicht der Weltgeschichte der letzten Jahrhunderte nahelegt, dann stellt sich die Frage: Welche konkrete Form der Organisation zwischen Nationen wäre der unmittelbare, erste Schritt einer allgemeinen Organisation hin zu einer dauerhaften, weltumspannenden Prinzipiengemeinschaft uneingeschränkt souveräner Nationen? Der Eckstein der ersten Phase der neuen Weltordnung ist der Rückgriff auf das Vorbild von Bretton Woods, das unter der Ägide Präsident Franklin D. Roosevelts begründet wurde.

Ein System fester Wechselkurse nach dem Vorbild dieses ursprünglichen Bretton-Woods-Systems ist der Bezugspunkt für eine inzwischen unverzichtbare Vereinbarung für die heutige Welt, die für mindestens einige zukünftige Generationen Geltung behält. Wenn ich „mindestens einige zukünftige Generationen“ sage, denke ich vor allem an gewisse unverzichtbare langfristige Verträge und ähnliche Vereinbarungen zur erforderlichen Kapitalbildung, vor allem als grundlegende wirtschaftliche Infrastruktur. Da wir bereit sein müssen, diese über 50 oder mehr Jahre reichenden Vereinbarungen zu erfüllen, muß das System, das wir jetzt einrichten, die Erfüllung dieser vertraglichen Verpflichtungen vorsehen.

Später, wenn die Fälligkeit der ersten Zahlungsverpflichtungen aus diesen Vereinbarungen naherückt, wird man natürlich Verbesserungen im Weltsystem erwägen. Bis dahin werden kluge Regierungen die kommenden beiden Generationen als Richtschnur für eine entsprechende Einigung nehmen, auf deren Grundlage das neue Weltsystem für die unmittelbare Zukunft entworfen und verwirklicht wird.

Dementsprechend wird das System fester Wechselkurse grundsätzlich wie folgt festgelegt. Zunächst behandle ich die Bedeutung der Rohstoffpolitik, danach die Bevölkerungspolitik. Das sind vorläufig die verhältnismäßig neuen Entwicklungen auf der Welt, die den Gedanken eines Systems fester Wechselkurse wichtiger machen als je zuvor.

Zusammengenommen versetzen die Auswirkungen der Entwicklung und die Anwendung der Technik sowie der Anstieg der Bevölkerungszahl und eines akzeptablen Lebensstandards der Menschen diesen Planeten in absehbarer Zeit in eine Lage, dass wir nicht länger von der Annahme ausgehen können, die Rohstoffe, auf die unsere Zivilisation angewiesen ist, seien einfach nur eine Gabe der Natur. Wir müssen jetzt die Verantwortung dafür übernehmen, die Versorgung mit diesen Rohstoffen aus der abiotischen Erde und der Biosphäre, von denen der weitere Anstieg der Weltbevölkerung und die weitere Verbesserung der Lebensumstände abhängen, aufrechtzuerhalten und auszuweiten.

Die verrückte Gier nach Rohstoffen als Beutegut, die auf das Denken der Physiokraten zurückgeht – eine verrückte, implizit mörderische Gier, wofür Henry Kissingers These im Sicherheitsmemorandum NSSM-200 nur ein typisches Beispiel ist –, ist heute zum wichtigsten Wesensmerkmal des Strebens der Finanzoligarchie geworden. Diese verrückte Gier muss durch eine konzertierte Regulierung im Rahmen souveräner Nationalstaaten in Schach gehalten werden. Wernadskijs Vermächtnis verdeutlicht allgemein die Lösung: Die Entwicklung mineralischer Rohstoffe und ihre Nutzung muss als Faktor der Kapitalkosten gesehen werden, den alle Volkswirtschaften der Welt gemeinsam tragen müssen. Wir müssen für die Zukunft der Menschheit eine ausreichende Versorgung mit allen grundlegenden Rohstoffen zu annehmbaren Preisen sicherstellen. Mit Hilfe wissenschaftlicher Fortschritte lässt sich diese Herausforderung meistern, sogar recht bequem – aber sie muss gemeistert werden.

Diese Veränderung im Umgang mit Rohstoffen, die durch das Bevölkerungswachstum in Asien und insbesondere in China und Indien dringend erforderlich wird, stellt die Welt vor die Notwendigkeit, umgehend ein umfassendes System fester Wechselkurse zu errichten. Aufgrund dieser Notwendigkeit kommt zu den Kernvereinbarungen, auf denen das neue System gegründet sein muss, der schöpferische, aktive Umgang mit Rohstoffen als zusätzlicher Faktor hinzu.

Die Erde ist begrenzt. Wir stehen fast am Ende der Möglichkeiten einer Gesellschaftsform, die davon lebt, den Planeten zu plündern, und gleichzeitig die Auswirkungen davon auszugleichen versucht. Wir müssen ein System schaffen, das die Versorgung und Verfügbarkeit der als Rohstoffe eingestuften Güter ausweitet, u. a. indem wir selbst solche Rohstoffe erzeugen, statt sie nur auszubeuten. So müssen wir mit den mineralischen Rohstoffen verfahren und gleichzeitig die Biosphäre mit großen Wasserprojekten, Begrünung von Wüsten usf. weiterentwickeln.

Um die absehbaren, sehr hohen Kapitalkosten dafür aufzubringen, müssen wir den technischen Fortschritt in der Produktion und Produktgestaltung mindestens so weit beschleunigen, dass die zusätzlichen gesellschaftlichen Kosten für den weltweiten Verbrauch von Rohstoffen und damit verwandte Umweltentwicklung aufgefangen werden, ohne den Lebensstandard irgendeines Teils der Menschheit zu senken. Das erfordert massiv gesteigerte Zuwachsraten bei der realen Pro-Kopf-Produktivität weltweit und eine Anhebung des Einkommensniveaus derzeit armer Nationen durch eine entsprechende Förderung des technischen Fortschritts. Diese Kosten lassen sich leidlich genau abschätzen.

Dazu müssen wir besonderes Gewicht auf Technologien mit sehr hoher Energieflußdichte wie Kernspaltung und Kernfusion legen. Der Einsatz von Ressourcen mit niedriger Energieflussdichte sollte hauptsächlich weiter in der Nutzung der Sonnenstrahlung zum Anregen lebender Prozesse, insbesondere des pflanzlichen Lebens, zur Wasserwirtschaft und zur Mäßigung des Erdklimas bestehen.

Nun zu dem zusätzlichen Gesichtspunkt der wirtschaftspolitischen Tagesordnung der Welt, die ich gerade zusammengefasst habe: Bevor wir uns den Fragen der Beziehungen zwischen den Mitgliedstaaten eines Systems fester Wechselkurse zuwenden, müssen wir mit gewissen Legenden über die sog. „Bevölkerungsexplosion“ aufräumen.

Das Wohlergehen der Bevölkerung

Wenn das notwendige Niveau der geistigen Entwicklung einer Bevölkerung steigt, wird die Geburtenrate erwartungsgemäß sinken – nicht so stark wie beispielsweise der verheerende Rückgang, den man in jüngster Zeit in Deutschland erlebt, aber das Bevölkerungswachstum wird sich dennoch verlangsamen, weil unter den Bedingungen des praktizierten wissenschaftlich-technischen Fortschritts die Geburtenrate der Bevölkerung abnimmt.

Der Anstieg des Alters beim Abschluß der Schul- und Berufsausbildung – fast ein Vierteljahrhundert bei Abgängern mit entsprechenden beruflichen Vorkenntnissen – und die sich wandelnde Rolle der Frauen in der Wirtschaft bedeuten zusammengenommen, dass die Geburtenrate je Haushalt sinkt, die bessere Entwicklung des einzelnen Kindes wird wichtiger als die Kinderzahl an sich. Diese Veränderung ist im Kern eine natürliche Reaktion auf solche Veränderungen im Wirtschaftsprozess und das wird auch die Tendenz bleiben, unabhängig davon, ob der Staat hier einzugreifen versucht oder nicht. Die gesellschaftlichen Folgen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts fördern eine Entwicklung hin zu einem Anstieg des realwirtschaftlichen Wertes des einzelnen pro Kopf und pro Quadratkilometer sowie einer wachsenden Gewichtung hoher Lebenserwartung und dauerhaft guter Gesundheit.

Dem entspricht wiederum, dass gewaltige Probleme entstünden, wenn man auf Dauer zuließe, dass größere Teile der Weltbevölkerung in der mehr oder weniger extremen Armut leben müssen, die heute mit dem niedrigen Stand der Pro-Kopf-Produktivität in weiten Teilen der Erde einhergeht. Weitverbreitete Armut verroht sowohl die Opfer dieses von Unwissenheit geplagten Zustands als auch den anderen Teil der Bevölkerung, der diesen Zustand auf Dauer zulässt.

Diese Bevölkerungsfragen sollten kein Gegenstand unmittelbarer politischer Steuerung sein. Man sollte indirekt, aber darum um so wirksamer über die wirtschaftliche Steuerung der Beziehungen zwischen den Nationen an sie herangehen.

So ist beispielsweise „Billiglohnarbeit“ wegen ihrer Folgen und Nebenwirkungen für die Bevölkerung und das Verhalten der Nationen langfristig eine Gefahr für das Wohlergehen auf der Erde. Durch Kooperationsabkommen, die darauf abzielen, wissenschaftlichen und technischen Fortschritt für die Nationen und ihre Menschen zu fördern, sollten Produktionstechnik und Produktqualität gesteigert werden.

Eine der Hauptursachen der Vergeudung von Arbeit und Zeit der Bevölkerung in den vergangenen 60 Jahren war der Trend weg von den Innenstädten in die Vorstädte. Diese Verlagerung und damit zusammenhängende Entwicklungen haben die Errungenschaften der europäischen Zivilisation bei der Entwicklung der Idee der Stadt und städtischer Gemeinschaften ruiniert. Vorangetrieben wurde das durch parasitäre Immobilienspekulation, hinter der Finanzinteressen stehen, und der Veränderung in der Wirtschaft weg von mittelständischen Betrieben mit vielleicht 200 oder weniger Beschäftigten hin zu gewaltigen Konzernen, bei denen nicht technische und ähnliche Verbesserungen von Produktqualität und Produktionsweise, sondern spekulativen Finanzinteressen im Vordergrund stehen.

Diese Übel sind im wesentlichen Ausdruck davon, dass die modernen nationalstaatlichen Volkswirtschaften von feudalistischen, finanzoligarchischen Interessen mit ihren räuberischen und spekulativen Gewohnheiten überlagert wurden.

Unter einem weltweiten System fester Wechselkurse lassen sich durch einfache Regulierungsmaßnahmen bei Zöllen und Handel, wie sie beim ursprünglichen Bretton-Woods-System verwendet wurden, wünschenswerte Veränderungen der Beschäftigung und Lebensumstände der Menschen herbeiführen.

Die neuen Dimensionen der langfristigen nationalen Politik und Weltpolitik, die durch die verwandten Zwänge der Verwaltung der Materialien und nötigen Entwicklung der Lebensbedingungen der Menschen notwendig werden, lenken unseren Blick nach oben: Unter den Bedingungen, die heute schon vorhanden sind oder sich rasch entwickeln, sind forschungsintensive Raumfahrtprogramme die geeignetste Organisationsform für die technologische Weiterentwicklung der Nationen und die internationale Zusammenarbeit.

Wir leben inzwischen in einer Zeit, in der die bewußte Gestaltung unseres Planeten und seiner Lebensbedingungen ein zwingendes Gebot ist, aber die Probleme und Chancen, die damit verbunden sind, enden nicht in den Höhen, die die stärksten Scramjet-Raketen erreichen. Alle wissenschaftlichen und verwandten Herausforderungen, vor denen die zivilisierte Menschheit heute steht, sind mit dem wachsenden Feld der Weltraumforschung untrennbar verbunden. Die Existenz des Sonnensystems ist die Folge eines Prozesses, der schon in der Natur der Sonne als einem früheren einzelnen Stern angelegt war. Die vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Lebensbedingungen auf der Erde werden von weiter andauernden Entwicklungsprozessen im Rahmen der fortdauernden Entwicklung des Sonnensystems bestimmt. Dieses Sonnensystem und sein Verhältnis zu den weiteren Teilen des Universums, innerhalb dessen es besteht, enthält viel, was wir für das menschliche Leben auf der Erde berücksichtigen müssen – entweder als Probleme oder als mögliche Vorteile.

Die wissenschaftliche Forschung, die heute jede intelligente Regierung auf der Erde angesichts dieser Zukunftsaussichten beschließen wird, muss zumindest in einem bestimmten Maße zu bemannten Forschungsmissionen und dem Aufbau stationärer Systeme in verhältnismäßig näheren Teilen des Sonnensystems führen. Ein weiteres notwendiges Ziel ist, aus ähnlichen Gründen, der Aufbau neuartiger Systeme, die an Energie pro Kopf und Raumeinheit alles heute Vorhandene in den Schatten stellen werden.

Die wichtigste, unmittelbar praktische Folge einer Forschungsoffensive für den Weltraum wird aber darin bestehen, dass sie uns das notwendige Wissen liefert, wie wir das Leben auf der Erde sichern und verbessern können. Unter dem, was man zum Vorantreiben der Weltraumforschung entwickeln kann, wird kaum etwas sein, was sich nicht auch zum großen Nutzen der Menschen hier auf der Erde anwenden ließe. Deshalb sollte der Schwerpunkt der staatlichen Förderung von Forschung und Entwicklung auf der Raumfahrt liegen, die von ihrem Wesen her sämtliche Bereiche wissenschaftlichen Interesses für die praktische Anwendung auf der Erde berührt.

Dabei sind mehr oder weniger weltweite Eigentumsrechte auf einige entsprechende Vorhaben weder unbedingt erlaubt noch unbedingt verboten. Es ist aber sehr naheliegend, der Vergabe privater Patente über den traditionellen Schutzanspruch des eigentlichen Erfinders hinaus enge Grenzen zu setzen. In einigen Fällen sollte man sogar kürzlich eingeführte Eigentumsansprüche in diesem Bereich wieder zurücknehmen. Auch müssen Technologien, die durch Zusammenarbeit mehrerer Nationen oder über supranationale Einrichtungen entwickelt werden, viel leichter für alle zugänglich werden. Der Einfall, Patente auf von der Natur schon angelegte Gene zu vergeben, ist Ausdruck reinster finanzoligarchischer Habgier – das geht viel, viel zu weit.

Die zu erwartende Folge einer solchen, praktisch fast unvermeidlichen Rolle einer auf den Weltraum gerichteten allgemeinen Forschung und Entwicklung im Rahmen eines neuen Systems fester Wechselkurse wäre eine rasche psychologische Veränderung unserer Weltsicht: Statt uns ängstlich in irgendeinem Teil der Erdoberfläche zu verkriechen, würden wir uns als Menschen sehen, die im Sonnensystem leben. In diese Richtung muss sich das Selbstverständnis des Menschen ändern.

Eine Bemerkung zum Schluß

Die Wiederherstellung des Kerns des ursprünglichen Bretton-Woods-Systems muss hier nicht ausführlich erläutert werden. Das System lief erfolgreich und hätte das auch weiter getan, wenn der politische Wille dagewesen wäre, eine Anpassung des Goldpreises und andere Reformen vorzunehmen, um das System grundsätzlich aufrechtzuerhalten. Die Ziele bei der Neuauflage eines Systems dieser Art und Form müssen sein, den Wert der Währungen möglichst nahe an realistisch eingeschätzten, relativen Preisen festzulegen, einen angemessenen Ausgangspreis für Reservegold zu wählen und einen internationalen Kreditmechanismus einzurichten, der Kreditziehungsrechten der Mitglieder entspricht.

Eine ganz wichtige Aufgabe des wiedergegründeten Systems besteht in seiner angemessenen Verbindung zu einem Netz langfristiger vertraglicher Vereinbarungen der Art, wie sie heute in Eurasien z. B. zwischen West- und Mitteleuropa, Russland, China, Indien usw. besonders angemessen sind. Der wichtigste Motor einer allgemeinen weltweiten realwirtschaftlichen Erholung sind dann langfristige Investitionen in die grundlegende wirtschaftliche Infrastruktur und gebündelte, langfristige Kreditlinien für Investitionspakete bestimmter Kategorien relevanter privater Kreditnehmer. Die physische Lebensdauer grundlegender wirtschaftlicher Infrastruktur in der ersten Kategorie liegt zwischen einem Viertel- und einem halben Jahrhundert. Typisch sind Energie, Wasser, Massenverkehrsmittel und langfristige Stadt- und Landentwicklung, z. B. für neue Städte, Wiedernutzbarmachung von Trockenzonen, weitflächige Aufforstung usw. In eine zweite allgemeine Kategorie fallen Investitionen in die Realkapitalbildung im Zusammenhang mit dem Markt, der durch den Bau öffentlicher Großvorhaben entsteht.

Finanzieren lassen sich derartige Investitionen durch Kredit, der in Form von vertraglichen Vereinbarungen geschaffen wird, oder durch Kapital, das im Rahmen vertraglicher Regelungen bereitgestellt wird.

Eine wesentliche Aufgabe des Systems fester Wechselkurse besteht darin, dass Kredite, die zu festgelegten Zinsen über einen langen Zeitraum vergeben werden, durch den festen Wechselkurs abgesichert sind.

Unter den derzeitigen Bedingungen, wo die meisten privaten Finanzinstitute auf der Erde praktisch bankrott sind, ist eine Kreditschöpfung in bedeutenderem Umfang nur über diese Kombination – staatlich abgesicherter Kredit unter dem Schutz eines Systems fester Wechselkurse – möglich. Ohne ein solches System bedeutete der inzwischen unvermeidliche Zusammenbruch des gegenwärtigen weltweiten, monetären Finanzsystems, dass unmittelbar ein Absturz der ganzen Welt in ein langes finsteres Zeitalter droht.

Eine solche Erholung aus der derzeitigen Krise kann es nur geben, wenn die Bedingungen einer regulierten Volkswirtschaft – wie in den Vereinigten Staaten vor den Veränderungen von 1969–82 und ähnlich in Kontinentaleuropa – prompt wiederhergestellt werden. Die Auslandsschulden Afrikas, Mittel- und Südamerikas müssen entweder gestrichen oder bis auf weiteres eingefroren werden, und alle Schulden im Zusammenhang mit Derivatgeschäften sind als illegale Wettschulden zu betrachten und damit null und nichtig.

Meine Damen und Herren, wir haben keine andere Wahl. Entweder wir greifen angesichts der Lage zu den beschriebenen Maßnahmen, oder wir müssen davon ausgehen, dass wir nur zusammengekommen sind, um der menschlichen Zivilisation auf ziemlich lange Zeit Lebewohl zu sagen.


Anmerkungen

  1. Wer sich mit dem Innenleben der europäischen Zivilisation auskennt, wird sich entsinnen, dass der Pantheismus und der Hang zu ständigen Religionskriegen, die das kaiserliche Rom und sein Pantheon hauptsächlich aus Westasien übernahmen, die tödlichste kulturelle Krankheit darstellen, unter der die europäische Kultur seit der Geburt Europas im nach-Homerischen antiken Griechenland leidet. Siehe dazu Nikolaus von Kues, De pace fidei. Siehe auch meine Bemerkungen oben über den Gnostizismus des Claudius Ptolemäus, der ähnliche Wurzeln hatte. Zurück zum Text
  2. Dieser Gedanke der Kinderkrankheiten ist vor allem auch ein christlicher: der Gedanke, dass die Menschheit aus den Irrtümern ihrer Kinderkrankheiten wie Imperien, Feudalismus oder Schlimmerem erlöst werden kann; dass die Menschheit, die an sich gut ist, auf einen Zustand der Einlösung dieses Guten ihrer Gattung aufsteigen kann – auf eine Entwicklungsstufe, die den eigentlichen Absichten des Schöpfers für unsere Gattung entspricht. Das Böse heißt, das Gute in uns selbst zu verwerfen, um sich den tierischen Eigenschaften des Körpers, in dem wir vorübergehend wohnen, zu unterwerfen. Das wahre Prinzip politischer und ähnlicher Führung, wie bei Jeanne d’Arc oder Martin Luther King, besteht darin, dass wir über unseren Körper herrschen und nicht umgekehrt. Entweder wir benutzen das Tierische in uns weise, so wie es das Prinzip der Agape (Nächstenliebe) nahelegt, oder es wird uns benutzen. Dennoch bleibt diese universelle Idee der Sehnsucht nach einer Vereinigung mit der Absicht des Schöpfers deutlich erkennbar – wofür die klassische Wissenschaftsmethode von Platon bis zum Besten der Neuzeit steht –, was die eigentliche, gemeinsame Grundlage eines erfolgreichen Dialogs der Kulturen ist. Zurück zum Text
  3. Wie es beispielsweise Immanuel Kant tat. Zurück zum Text
  4. D. h., das Verhalten der menschlichen Gattung und insbesondere ihre Fähigkeit, die potentielle relative Bevölkerungsdichte bewußt zu steigern, liegt nicht in der sterblichen (d. h. tierischen) Natur, sondern in der Erkenntniskraft, die allein der einzelne Mensch besitzt. Kardinal Nikolaus von Kues hat gesagt, das Tier habe teil am Menschen, wie der Mensch teil an Gott habe. Das Tier, dem die Unsterblichkeit fehlt, wirkt also am Dasein des unsterblichen Wesens mit, wie der Mensch über das Prinzip des lebenden Wortes an Gott als der lebenden Person des Schöpfers mitwirkt. Zurück zum Text
  5. D. i. die Forderung des Francesco Zorzi (auch bekannt als “Giorgi”), Feind des Cusanus, Eheberater Heinrichs VIII. von England und typischer Vertreter der „Alten Partei“ Venedigs. Zurück zum Text
  6. Russell, der maßgebliche Mann in einem entsprechen Kreis von Wissenschaftlern, war der Haupturheber der Doktrin des Einsatzes von Kernwaffen in einem „Präventivkrieg“ gegen die Sowjetunion in den 40er Jahren. Er schlug dies vor, so wie es in einem Artikel, den er in der Ausgabe des Bulletin of the Atomic Scientists vom September 1946 veröffentlichte, zum Ausdruck kommt. Nachdem die Sowjets eine einsatzfähige Wasserstoffbombe entwickelt hatten, ließ Russell die Forderung nach einem Präventivkrieg fallen und verlegte sich auf die Doktrin der Weltregierung (die Russell-Wellssche Doktrin, die heute Globalisierung heißt) durch die Drohung mit der gegenseitig zugesicherten thermonuklearen Zerstörung. Das entsprechende Angebot an den sowjetischen Generalsekretär Chruschtschow wurde auf einer öffentlichen Konferenz in London verkündet. Zurück zum Text
  7. Die Hauptstadt des amerikanischen Bundesstaates Massachusetts. Zurück zum Text
  8. In Präsident Abraham Lincolns Ansprache von Gettysburg aus dem Jahr 1863 wird die Einzigartigkeit dieses gefundenen Prinzips zusammengefasst. Zurück zum Text
  9. Zur Geschichte des Ringens um die Gründung eines souveränen Nationalstaates im Mittelalter, vor dem 15. Jh., siehe Friedrich von der Heydte, Die Geburtsstunde des souveränen Staates (Regensburg, Verlag Josef Habbel, 1952). Zurück zum Text
  10. Trotz des Schwindels, die Monroe-Doktrin der Erfindung Theodore Roosevelts, dem Neffen jenes Freibeuters, zuzuschreiben. Zurück zum Text