Einige Anmerkungen zur Noosphäre

Der folgende Artikel wurde im Dezember 1943 geschrieben. Eine gekürzte Version erschien im Januar 1945 im American Scientist, ins Englische übersetzt von Dr. George Wernadskij, dem Sohn des Verfassers, von der Universität Yale. Die Übersetzung des gesamten Artikels, einschließlich der Teile von George Wernadskijs Übersetzung, aus Wernadskijs Buch Biosfera (Verlag Mysl, Moskau 1967) hat für uns Rachel Douglas von Executive Intelligence Review besorgt. Zwischenüberschriften wurden hinzugefügt.


Wir nähern uns dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs. In Europa flammte der Krieg 1939 nach einer Unterbrechung von 21 Jahren wieder auf; in Westeuropa dauert er seit fünf Jahren an, und geht in unseren Breiten, in Osteuropa, in sein drittes Jahr. In Fernost begann er viel früher, 1931, und befindet sich bereits in seinem zwölften Jahr. Ein Krieg solcher Gewalt, Dauer und Stärke ist ein in der Geschichte der Menschheit und der Biosphäre insgesamt beispielloses Phänomen. Außerdem ging ihm der Erste Weltkrieg voraus, der zwar von geringerer Gewalt war, aber in kausalem Zusammenhang mit dem jetzigen Krieg steht.

In unserem Land führte dieser Erste Weltkrieg nicht nur im wirtschaftlichen Bereich, sondern ebenso in den Bestrebungen der Nationalitäten zu einer neuen, historisch beispiellosen Staatsform. Vom Standpunkt des Naturalisten (und ich meine ebenso auch von dem des Historikers) darf und sollte ein historisches Phänomen solcher Gewalt als Teil eines einzigen großen irdischen geologischen Prozesses und nicht nur eines historischen Prozesses untersucht werden.

In meiner eigenen wissenschaftlichen Arbeit hat sich der Erste Weltkrieg ganz entscheidend niedergeschlagen. Er veränderte radikal meine geologische Vorstellung von der Welt. In der Atmosphäre dieses Krieges näherte ich mich einer Naturvorstellung, die damals vergessen und deshalb für mich und andere neu war, einer geochemischen und biogeochemischen Vorstellung, die die unbelebte wie die belebte Natur aus gleicher Sicht umfasste.2 Ich verbrachte die Jahre des Ersten Weltkriegs mit ununterbrochener wissenschaftlicher, schöpferischer Arbeit, die ich bisher stetig in die gleiche Richtung fortgesetzt habe.

Vor 28 Jahren, 1915, wurde an der Akademie der Wissenschaften eine „Kommission für das Studium der Produktivkräfte“ unseres Landes, die sogenannte KEPS, gegründet. Diese Kommission, zu deren Präsident ich gewählt wurde, spielte in der kritischen Periode des Ersten Weltkriegs eine bemerkenswerte Rolle. Völlig unerwartet stellte die Akademie der Wissenschaften inmitten des Kriegs fest, dass es im zaristischen Rußland keine genauen Angaben über die heute so genannten strategischen Rohstoffe gab. Wir mussten deshalb rasch überall verstreute Daten sammeln und verarbeiten, um die Lücken in unserem Wissen zu schließen.3 Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war leider nur noch der bürokratischste Teil dieser Kommission, der sogenannte Rat der Produktivkräfte, erhalten, und es wurde notwendig, ihre übrigen Teile eilig wiederherzustellen.

Wenn man an das Studium geologischer Erscheinungen von einem geochemischen und biogeochemischen Standpunkt herangeht, lässt sich die Gesamtheit der umgebenden Natur in gleicher atomarer Sicht verstehen. Unbewußt deckt sich ein solcher Ansatz für mich damit, was die Wissenschaft des 20. Jahrhunderts ausmacht und wie sie sich von der vergangener Jahrhunderte unterscheidet.

Das 20. Jahrhundert ist das Jahrhundert des wissenschaftlichen Atomismus.

Zu der Zeit, 1917–1918, war ich ganz zufällig in der Ukraine,4 und ich konnte erst 1921 nach Petrograd zurückkehren. Während all dieser Jahre waren meine Gedanken, wo immer ich mich aufhielt, auf die geochemischen und biogeochemischen Äußerungen der umgebenden Natur, der Biosphäre, gerichtet. Während ich sie beobachtete, richtete ich gleichzeitig meine Lektüre und mein Nachdenken intensiv und systematisch auf dieses Thema. Ich erläuterte meine allmählich gezogenen Schlussfolgerungen, sobald sie sich herausbildeten, in Vorträgen und Berichten in den verschiedenen Städten, die ich gerade besuchte, in Jalta, Poltawa, Kiew, Simferopol, Noworossijsk, Rostow usw. In fast allen Städten, in die ich kam, las ich gewöhnlich alles, was im weitesten Sinn mit dem Problem zu tun hatte. Ich ließ weitestmöglich alle philosophischen Bestrebungen beiseite und versuchte mich nur auf feste wissenschaftliche und empirische Tatsachen und Verallgemeinerungen zu stützen; nur gelegentlich erlaubte ich es mir, wissenschaftliche Arbeitshypothesen heranzuziehen. Anstelle des Begriffs „Leben“ verwendete ich den Begriff „lebende Materie“, der inzwischen fest in der Wissenschaft eingeführt zu sein scheint. „Lebende Materie“ ist die Gesamtheit lebender Organismen. Das ist lediglich eine empirische wissenschaftliche Verallgemeinerung von uns allen bekannten empirisch unbestreitbaren Fakten, die sich leicht und mit großer Genauigkeit beobachten lassen. Der Begriff „Leben“ tritt stets aus den Grenzen des Begriffs „lebender Materie“ hinaus; er betritt den Bereich von Philosophie, Volkskunde, Religion und den der Künste. All dies fällt bei dem Begriff „lebende Materie“ fort.

Inmitten des heutigen, so intensiven und vielgestaltigen Lebens vergisst der Mensch praktisch, dass er und die gesamte Menschheit, von der er nicht abzutrennen ist, untrennbar mit der Biosphäre verbunden sind – mit jenem spezifischen Teil des Planeten, auf dem er lebt. Man spricht gewöhnlich vom Menschen als Individuum, das sich frei über unseren Planeten bewegt und frei seine eigene Geschichte gestaltet. Bisher haben weder Historiker noch Geisteswissenschaftler und zu gewissem Maß noch nicht einmal die Biologen bewusst die Naturgesetze der Biosphäre berücksichtigt – der Erdhülle, der einzige Ort, wo Leben existieren kann. Der Mensch ist elementar von der Biosphäre nicht zu trennen. Und diese Untrennbarkeit wird uns erst jetzt genauer klar. In Wirklichkeit existiert kein lebender Organismus in einem freien Zustand der Erde. Alle diese Organismen sind untrennbar und ständig mit ihrer materiell-energetischen Umwelt verbunden – zuallererst durch Nahrung und Atmung.

Das außergewöhnliche Petersburger Akademiemitglied Caspar Wolf (1733–1794), der sein ganzes Leben Rußland widmete, drückte dies in seinem Buch, das in Petersburg 1789, dem Jahr der Französischen Revolution, auf Deutsch erschien, brillant aus: Über die besondere und wirksame Kraft, Kennzeichen für pflanzliche und tierische Substanz. Im Gegensatz zu den meisten anderen Biologen seiner Zeit bezog er sich auf Newton und nicht auf Descartes.5

Die Menschheit ist als lebende Materie untrennbar mit den materiell-energetischen Prozessen einer spezifischen geologischen Hülle der Erde – ihrer Biosphäre – verbunden. Die Menschheit kann von der Biosphäre nicht eine Minute lang physisch unabhängig sein.

Das „Huygensche Prinzip“

Der Begriff der „Biosphäre“, d. h. „der Bereich des Lebens“, wurde von Lamarck (1744–1829) in Paris zu Anfang des 19. Jahrhunderts in die Biologie und von Edward Süß (1831–1914) in Wien zu Ende dieses Jahrhunderts in die Geologie eingeführt.6 In unserem Jahrhundert hat sich ein absolut neues Verständnis der Biosphäre entwickelt. Sie entsteht als ein planetares Phänomen von kosmischer Natur. In der Biogeochemie muß beachtet werden, dass Leben (lebende Organismen) nicht auf unserem Planeten allein, nicht nur in der Erdbiosphäre existiert. Mir scheint, daß dies bisher für sämtliche sogenannt terrestrischen Planeten, d. h. für Venus, Erde und Mars, über jeden Zweifel erwiesen ist.7 An dem Biogeochemischen Labor der Akademie der Wissenschaften in Moskau, das zum Labor für Biogeochemische Probleme umbenannt wurde, haben wir in Zusammenarbeit mit dem Mikrobiologischen Institut der Akademie der Wissenschaften (Direktor: das Korrespondierende Akademiemitglied B. L. Isatschenko) bereits 1940 kosmisches Leben als Gegenstand jetziger wissenschaftlicher Untersuchungen erkannt. Diese Arbeit wurde durch den Krieg unterbrochen und wird zur frühesten Gelegenheit wieder aufgenommen.

Die Idee des Lebens als kosmisches Phänomen befindet sich seit langer Zeit in den wissenschaftlichen Archiven, auch den unseren. Schon Ende des 17. Jahrhunderts formulierte der holländische Forscher Christian Huygens (1629–1695) in seinem letzten, posthum erschienenen Werk Cosmotheoros diese wissenschaftliche Frage. Auf Anregung Peters I. erschien dieses Buch im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts zweimal auf Russisch.8 Huygens begründete in diesem Buch die wissenschaftliche Aussage, daß „Leben ein kosmisches Phänomen ist, auf bestimmte Weise deutlich unterschieden von unbelebter Materie.“ Ich habe diese Aussage kürzlich das „Huygensche Prinzip“ genannt.9

Dem Gewicht nach macht lebende Materie nur einen winzigen Teil des Planeten aus. Das war offenbar in allen geologischen Zeiten so, d. h. sie ist geologisch ewig.10 Lebende Materie konzentriert sich in einer dünnen, mehr oder weniger durchgängigen Schicht in der Troposphäre auf dem Land – Feldern und Wäldern – und durchdringt den gesamten Ozean. Quantitativ beträgt sie nur einige Zehntel Prozent der Biosphäre, in der Größenordnung von etwa 0,25 % Gewicht. Auf trockenem Land erreicht ihre Masse durchgängig eine Tiefe von wahrscheinlich unter 3 km im Durchschnitt. Sie existiert nicht außerhalb der Biosphäre.

Im Verlauf der geologischen Zeit verändert sich die lebende Materie morphologisch, den Naturgesetzen entsprechend. Die Geschichte lebender Materie drückt sich als langsame Modifizierung der Formen lebender Organismen aus, die ununterbrochen von Generation zu Generation untereinander genetisch verbunden sind. Diese Vorstellung war über lange Zeit in der wissenschaftlichen Forschung entstanden, bis sie dann 1859 in den großen Leistungen Charles Darwins (1809–1882) und Wallaces (1822–1913) ein solides Fundament erhielt. Sie wurde in die Lehre von der Evolution der Pflanzen-und Tierarten, einschließlich des Menschen, gegossen. Der evolutionäre Prozess ist nur für lebende Materie charakteristisch. In der unbelebten Materie unseres Planeten gibt es davon keine Anzeichen. Im Kryptozoikum wurden die gleichen Mineralien und Steine erzeugt, die auch heute noch entstehen.11 Die einzige Ausnahme sind die bioinerten Naturkörper, die auf eine oder andere Weise mit lebender Materie zusammenhängen.12

Die Änderung in der morphologischen Struktur lebender Materie, wie man sie im Evolutionsprozess beobachtet, führt zwangsläufig zu einer Änderung ihrer chemischen Zusammensetzung. Diese Frage verlangt nun nach experimenteller Bestätigung. In Zusammenarbeit mit dem Paläontologischen Institut der Akademie der Wissenschaften nahmen wir dieses Problem für 1944 in unseren Arbeitsplan auf.

Die Menge lebender Materie ist zwar verschwindend klein im Verhältnis zu der unbelebten und bioinerten Masse der Biosphäre, doch das biogene Gestein bildet einen großen Teil ihrer Masse und geht weit über die Grenzen der Biosphäre hinaus. Im Rahmen des Phänomens des Metamorphismus wird es unter Verlust aller Spuren des Lebens in die Granithülle umgewandelt und gehört dann nicht mehr der Biosphäre an. Die Granithülle der Erde ist der Bereich früherer Biosphären.13 In Lamarcks Buch Hydrogeologie (1802), das viele bemerkenswerte Ideen enthält, wird lebende Materie, wie ich sie verstehe, als Schöpfer fast allen Gesteins unseres Planeten begriffen. Lamarck hat aber nie Lavoisiers (1743–1794) Entdeckung akzeptiert. Ein anderer großer Chemiker, J.B. Dumas (1800–1884), Lamarcks jüngerer Zeitgenosse, der Lavoisiers Entdeckung akzeptierte und intensiv die Chemie lebender Materie untersuchte, teilte durchaus lange Zeit die Vorstellung der quantitativen Bedeutung lebender Materie in der Gesteinsstruktur der Biosphäre.

Cephalisation – der Evolutionspfeil

Darwins jüngere Zeitgenossen, die beiden großen amerikanischen Geologen J.D. Dana (1813–1895, der auch Mineraloge und Biologe war) und J. Le Conte (1823–1901), äußerten schon vor 1859 die empirische Verallgemeinerung, dass die Evolution lebender Materie in eine bestimmte Richtung verläuft. Dana nannte dieses Phänomen „Cephalisation“ und Le Conte das „Psychozoikum“. Dana kam wie Darwin auf diese Idee während seiner Weltreise, die 1838 (zwei Jahre nach Darwins Rückkehr nach London) begann und bis 1842 dauerte.14

Es sollte hier angemerkt werden, dass die Expedition, auf der Dana zu seinen Schlußfolgerungen über Cephalisation, Korallenriffe usw. kam, in historischem Zusammenhang mit Pazifikforschungen stand, die russische Seeleute, vor allem Krusenstern (1770–1846), bei ihren Ozeanreisen betrieben. Die auf Deutsch veröffentlichten Ergebnisse inspirierten den amerikanischen Anwalt John Reynolds, eine erste amerikanische wissenschaftliche Seereise dieser Art zu organisieren.15 Er begann mit den Vorbereitungen dazu im Jahr 1827, als ein Bericht über Krusensterns Expedition auf Deutsch verbreitet wurde. Erst elf Jahre später, 1838, führten seine fortgesetzten Bemühungen dazu, dass diese Expedition stattfinden konnte – jene Wilkes-Expedition, die schlüssig die Existenz der Antarktis nachwies.

Empirische Vorstellungen einer bestimmten Richtung des Evolutionsprozesses, jedoch ohne jeden Versuch der theoretischen Begründung, gehen weiter in das 18. Jahrhundert zurück. Buffon (1707–1788) sprach wegen der geologischen Bedeutung des Menschen vom „menschlichen Bereich“, wobei ihm der Begriff der Evolution fremd war. Fremd war dieser auch Agassiz (1807–1873), der die Idee der Eiszeit in die Wissenschaft einführte. Agassiz lebte in einer Periode ungestümen Aufblühens der Geologie. Er ließ es geologisch gelten, dass der menschliche Bereich gekommen sei, wandte sich aber wegen seiner theologischen Lehrsätze gegen die Evolutionstheorie. Le Conte weist darauf hin, dass Dana, der zuvor einen ähnlichen Standpunkt wie Agassiz vertrat, in seinen letzten Lebensjahren die Idee der Evolution in der damals gängigen Darwinschen Auslegung akzeptierte.16 Somit verschwand der Unterschied zwischen Le Contes „Psychozoikum“ und Danas „Cephalisation“. Es ist bedauerlich, daß diese wichtige empirische Verallgemeinerung besonders in unserem Land immer noch außerhalb des Horizonts unserer Biologen verbleibt.

Die Gültigkeit von Danas Prinzip, das auch außerhalb des Horizonts unserer Paläontologen liegt, ließe sich von jedem bestätigen, der bereit ist, dies auf der Grundlage jeder modernen paläontologischen Abhandlung zu tun. Das Prinzip umfasst nicht nur das gesamte Tierreich, sondern äußert sich genauso deutlich in einzelnen Tierarten. Dana zeigte, dass es im Verlauf der geologischen Zeit von mindestens zwei Milliarden Jahren und wahrscheinlich mehr zu einem unregelmäßigen Wachstums- und Vervollkommnungsprozess des Zentralnervensystems ausgehend von den Krustentieren (deren Untersuchung Dana sein Prinzip aufstellen ließ), über die Weichtiere (Kopffüßler) bis hin zum Menschen gekommen ist. Dieses Phänomen nannte er Cephalisation. Wenn das Gehirn im Verlauf der Evolution einmal ein bestimmtes Niveau erreicht hat, fällt es keiner Rückentwicklung mehr anheim, sondern kann sich nur weiterentwickeln.

Die Noosphäre wächst heran

Ausgehend von der Vorstellung der geologischen Rolle des Menschen pflegte der Geologe A.P. Pawlow (1854–1929) in seinen letzten Lebensjahren von der anthropogenen Ära zu sprechen, in der wir jetzt leben. Er berücksichtigte zwar nicht die Möglichkeit einer Zerstörung geistiger und materieller Werte, wie wir sie jetzt zehn Jahre nach seinem Tod mit dem barbarischen Überfall der Deutschen und ihrer Alliierten erleben, doch er betonte zu Recht, dass der Mensch direkt unter unseren Augen eine mächtige und immer weiter wachsende geologische Kraft wird. Diese geologische Kraft bildete sich kaum wahrnehmbar über eine lange Zeit hinweg. Damit ging eine Veränderung in der Position des Menschen auf unserem Planeten (vor allem seiner materiellen Position) einher. Im 20. Jahrhundert kannte und umfasste der Mensch zum ersten Mal in der Erdgeschichte die gesamte Biosphäre, vollendete die geographische Karte des Planeten Erde und besiedelte ihre gesamte Oberfläche. Die Menschheit wurde eine einzige Totalität im Leben der Erde. Es gibt keinen Flecken auf der Erde, wo der Mensch nicht leben könnte, wenn er es wünschte. Der Aufenthalt unserer Leute auf dem Treibeis des Nordpols 1937–38 hat das deutlich erwiesen. Gleichzeitig ist der Mensch dank starker Anlagen und Erfolge wissenschaftlichen Denkens, durch Radio und Fernsehen, in der Lage, unmittelbar mit jedem zu sprechen, den er irgendwo auf unserem Planeten erreichen will. In der Luftfahrt wird bereits eine Geschwindigkeit von mehreren hundert Kilometern pro Stunde erreicht, und das ist noch nicht das Maximum. All das ist die Folge der „Cephalisation“, des Wachstums des menschlichen Gehirns und der von ihm gesteuerten Arbeit.

Der Ökonom L. Brentano verdeutlichte die planetare Bedeutung dieses Phänomens mit der folgenden eindrucksvollen Berechnung: Wenn jedem Menschen eine Fläche von einem Quadratmeter zukäme und wenn man alle Menschen dicht zusammenbrächte, benötigten sie noch nicht einmal die Fläche des Bodensees an der Grenze zwischen Bayern und der Schweiz. Der Rest der Erdoberfläche bliebe menschenleer. Somit stellte die gesamte Menschheit zusammengenommen eine unbedeutende Menge der Erdmaterie dar. Ihre Stärke ergibt sich nicht aus ihrer Masse, sondern aus ihrem Gehirn. Wenn die Menschen das verstehen und ihr Gehirn und ihre Arbeit nicht zur Selbstzerstörung benutzen, steht ihnen in der geologischen Geschichte der Biosphäre eine großartige Zukunft offen.

Der geologische Evolutionsprozeß zeigt die biologische Einheit und Gleichheit aller Menschen, des homo sapiens und seiner Vorfahren, sinanthropus und anderer; ihre Nachkommen in den gemischten weißen, roten, gelben und schwarzen Rassen entstehen unaufhörlich in zahllosen Generationen.17 Das ist ein Naturgesetz. Alle Rassen lassen sich untereinander kreuzen und können fruchtbare Nachkommen erzeugen. In einem historischen Kampf, wie zum Beispiel in einem so großen Krieg wie dem jetzigen, gewinnt letztlich der, der diesem Gesetz folgt. Man kann nicht ungestraft gegen das Prinzip der Einheit aller Menschen als ein Naturgesetz verstoßen. Ich benutze hier den Begriff „Naturgesetz“, da dieser Begriff im Sinne einer mit Genauigkeit erreichten empirischen Verallgemeinerung immer mehr in Physik und Chemie verwendet wird.

Der historische Prozeß wird direkt unter unseren Augen radikal verändert. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit bestimmen die Interessen der Massen auf der einen Seite und das freie Denken von Individuen auf der anderen Seite den Verlauf des Lebens der Menschheit und liefern Standards für reine Gerechtigkeitsideen. Die Menschheit insgesamt wird zu einer mächtigen geologischen Kraft. Damit ergibt sich das Problem des Wiederaufbaus der Biosphäre im Interesse einer frei denkenden Menschheit als einziger Totalität. Dieser neue Zustand der Biosphäre, dem wir uns unbemerkt nähern, ist die Noosphäre.

In meiner Vorlesung an der Sorbonne in Paris 1922–23 erkannte ich biogeochemische Phänomene als Grundlage der Biosphäre an. Der Inhalt eines Teils dieser Vorlesungen erschien in meinem Buch Untersuchungen über Geochemie, das zuerst 1924 auf Französisch und dann 1927 in russischer Übersetzung veröffentlicht wurde.18 Der französische Mathematiker Le Roy, ein Bergsonischer Philosoph, übernahm die biogeochemische Grundlage der Biosphäre als Ausgangspunkt und führte in seinen Vorlesungen am Collège de France in Paris 1927 das Konzept der Noosphäre als die Phase ein, die die Biosphäre jetzt geologisch durchläuft.19 Er betonte, er sei auf diesen Begriff in Zusammenarbeit mit seinem Freund Teilhard de Chardin gekommen, einem großen Geologen und Paläontologen, der jetzt in China arbeitet.

Die Noosphäre ist ein neues geologisches Phänomen auf unserem Planeten. In ihr wird der Mensch zum ersten Mal eine ausgedehnte geologische Kraft. Er kann und muß den Wirkungskreis seines Lebens durch seine Arbeit und sein Denken neu aufbauen, und zwar radikal im Vergleich mit seiner Vergangenheit. Immer größere schöpferische Möglichkeiten eröffnen sich vor ihm. Vielleicht wird die Generation unserer Enkel deren Aufblühen erleben.

Wie kann Denken materielle Prozesse verändern?

Hier ist ein neues Rätsel für uns entstanden. Denken ist keine Form der Energie. Wie kann sie dennoch materielle Prozesse verändern? Diese Frage wurde bisher noch nicht gelöst. Soweit ich weiß, hat sie zuerst ein in Lemberg geborener amerikanischer Wissenschaftler, der Mathematiker und Biophysiker Alfred Lotka, gestellt.20 Aber er konnte sie nicht lösen. Wie Goethe (1740–1832), nicht nur ein großer Dichter, sondern auch ein großer Wissenschaftler, einmal richtig bemerkte, könne man in der Wissenschaft nur feststellen, wie etwas geschehe, aber man könne nicht wissen, warum etwas geschehe.

Was den Beginn der Noosphäre angeht, so sehen wir um uns auf jedem Schritt die empirischen Ergebnisse dieses „unbegreiflichen“ Prozesses. Jene mineralogische Rarität, Roheisen, wird jetzt in Milliarden Tonnen hergestellt. Rohaluminium, das nie zuvor auf unserem Planeten existierte, wird jetzt in beliebiger Menge produziert. Das gleiche gilt für die unzähligen künstlichen chemischen Kombinationen (biogene „kulturelle“ Mineralien), die neu auf unserem Planeten geschaffen wurden. Die Zahl solcher künstlicher Mineralien steigt ständig. Sämtliche strategischen Rohstoffe gehören hierher. Chemisch wird das Angesicht unseres Planeten, die Biosphäre, bewusst und noch mehr unbewusst durch den Menschen einschneidend verändert. Die Lufthülle des Landes sowie sämtliche natürliche Gewässer werden durch den Menschen physikalisch und chemisch verändert. Infolge des Wachstums der menschlichen Zivilisation haben sich die See und die küstennahen Teile der Meere im 20. Jahrhundert immer deutlicher verändert. Der Mensch muß jetzt immer mehr Maßnahmen ergreifen, um zukünftigen Generationen den Reichtum der Meere, der bisher niemandem gehörte, zu erhalten. Außerdem werden vom Menschen neue Arten und Rassen von Tieren und Pflanzen geschaffen. Träume aus dem Märchen erscheinen in der Zukunft möglich; der Mensch strebt danach, über die Grenzen seines Planeten in den kosmischen Raum vorzudringen. Und das wird ihm wahrscheinlich gelingen.

Gegenwärtig können wir es uns nicht leisten, in der großen historischen Tragödie, die wir durchleben, nicht zu erkennen, dass wir elementar den richtigen Weg gewählt haben, der zur Noosphäre führt. Ich sage elementar, da die gesamte Geschichte der Menschheit in diese Richtung verläuft. Die Historiker und politischen Führer beginnen sich erst von diesem Standpunkt einem Verständnis der Naturphänomene zu nähern. Der Ansatz Winston Churchills (1932) an das Problem ist vom Blickwinkel eines Historikers und politischen Führers sehr interessant.21

Die Noosphäre ist in der geologischen Geschichte die letzte von vielen Stufen in der Evolution der Biosphäre. Der Verlauf dieser Evolution beginnt uns erst durch eine Untersuchung einiger Aspekte der geologischen Vergangenheit der Biosphäre deutlich zu werden. Ich möchte einige Beispiele dafür anführen: Vor 500 Millionen Jahren, im geologischen Zeitalter des Kambrium, erschienen erstmals kalziumreiche Skelettbildungen von Tieren in der Biosphäre; solche von Pflanzen erschienen vor über 2 Milliarden Jahren. Die jetzt stark entwickelte Rolle von Kalzium in lebender Materie war einer der wichtigsten evolutionären Faktoren in der geologischen Veränderung der Biosphäre.22 Eine nicht weniger bedeutsame Änderung in der Biosphäre ereignete sich vor 70 bis 110 Millionen Jahren in der Kreidezeit und besonders während des Tertiär. In dieser Epoche entstanden erstmals unsere grünen Wälder, die wir so lieben. Das ist ein weiteres wichtiges evolutionäres Stadium, entsprechend dem der Noosphäre. Wahrscheinlich tauchte der Mensch in diesen Wäldern vor etwa 15 oder 20 Millionen Jahren auf.

Jetzt leben wir in einer Periode erneuter geologischer evolutionärer Änderungen in der Biosphäre. Wir betreten die Noosphäre. Dieser neue elementare geologische Prozess findet zu stürmischen Zeiten statt, in der Zeit eines zerstörerischen Weltkrieges. Es ist jedoch ein wichtiger Umstand, dass unsere demokratischen Ideale mit den elementaren geologischen Prozessen, mit dem Naturgesetz und mit der Noosphäre in Einklang stehen. Deshalb können wir der Zukunft mit Vertrauen entgegensehen. Sie liegt in unserer Hand. Wir werden sie nicht loslassen.


Anmerkungen

  1. Das Wort „Noosphäre“ setzt sich aus dem griechischen noos [=nous], Geist, und Sphäre im Sinne von Erdhülle zusammen. Ich behandele das Problem der Noosphäre genauer im dritten Teil meines jetzt vor der Veröffentlichung stehenden Buches Die chemische Struktur der Biosphäre der Erde als Planet und ihre Umgebung. Zurück zum Text
  2. Es sollte angemerkt werden, dass ich in diesem Zusammenhang auf die vergessenen Gedanken des ursprünglich bayerischen Chemikers C. Schönbein (1799–1868) und seines Freundes, des genialen englischen Physikers M. Faraday (1791–1867), stieß. Bereits Anfang der 1840er Jahre versuchte Schönbein zu beweisen, dass in der Geologie eine neue Abteilung geschaffen werden sollte – Geochemie, wie er sie nannte. Siehe auch W. Wernadskij, Ocherki geokhimii (Untersuchungen über Geochemie), 4. Auflage, Moskau-Leningrad, 1934, S. 14, 290. Zurück zum Text
  3. Über die Bedeutung der KEPS siehe A. E. Fersman, Viona i strategicheskoe syrie (Der Krieg und strategische Rohstoffe), Krasnoufimsk, 1941, S. 48. Zurück zum Text
  4. Siehe meinen Artikel „Aus meinen Erinnerungen: Das erste Jahr der ukrainischen Akademie der Wissenschaft“, der in der Jubiläumsausgabe der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften im Gedenken an ihr 25jähriges Bestehen erscheinen wird. Zurück zum Text
  5. Es ist bedauerlich, daß die nach Wolfs Tod hinterlassenen Manuskripte bis jetzt weder studiert noch veröffentlicht wurden. 1927 beschloss die Kommission über die Geschichte des Wissens an der Akademie der Wissenschaften, diese Arbeit zu erledigen, konnte sie aber wegen der in der Akademie sich ständig ändernden Ansätze bei der Untersuchung der Wissenschaftsgeschichte nicht fertigstellen. Jetzt wurde diese Arbeit an der Akademie auf ein Minimum reduziert, was der Sache abträglich ist. Zurück zum Text
  6. Über die Biosphäre siehe W. Wernadskij, Ocherki geokhimii, 4. Auflage, Moskau-Leningrad, Index; Biosfera (Die Biosphäre), Leningrad, 1926, frz. Ausgabe, Paris, 1929. Zurück zum Text
  7. Siehe meinen Artikel „Die geologischen Hüllen der Erde als Planet“, Izvestiia of the Academy of Sciences. Geographical and Geophysical Series, 1942, S. 251. Zitiert nach H. Spenser Jones, Life on Other Worlds, New York, 1940; R. Wildt in Proc. Amer. Philos. Soc. 81 (1939), S. 135. Eine russische Übersetzung von Wildts Untersuchung erschien leider nicht vollständig (was in dem Papier nicht angemerkt wird) in Astronomicheskii Zhumal, Vol. XVII (1940), Nr. 5, S. 81 ff. Inzwischen ist eine neue Untersuchung von Wildt erschienen, Geochemistry and the Atmosphere of Planets, (1941), doch zu unserem Bedauern ist bei uns bisher noch keine Kopie angekommen. Zurück zum Text
  8. Es hätte eine neue Auflage in heutigem Russisch mit Anmerkungen verdient. Zurück zum Text
  9. Siehe Ocherki geokhimii, S. 9, 288, und mein Buch, Problemy biogeokhimii (Probleme der Biogeochemie) III (im Druck). Zurück zum Text
  10. Problemy biogeokhimii, III. Zurück zum Text
  11. In Übereinstimmung mit heutigen amerikanischen Geologen wie zum Beispiel Charles Schuchert (Schuchert and Dunbar, A Textbook of Geology, II, New York, 1941, S. 88 ff.) nenne ich das Kryptozoikum jene Periode, die zuvor das Azoikum oder Arkäozoikum genannt wurde. Im Kryptozoikum schwindet die morphologische Erhaltung der Überreste von Organismen fast völlig, aber die Existenz von Leben offenbart sich in den organogenen Gesteinen, deren Ursprünge keinem Zweifel unterliegen. Zurück zum Text
  12. Über bioinerte Körper siehe W. Wernadskij, Probleme der Biogeochemie, II, Trans. Conn. Acad. Arts Sci., Vol. 35 (1944), S. 493–494. Dies sind zum Beispiel der Boden, das Meer, die allermeisten irdischen Gewässer, die Troposphäre usw. Zurück zum Text
  13. Siehe den Verweis auf meine Hauptarbeit in Anm. 1. Zurück zum Text
  14. Siehe D. Gilman, The Life of J.D. Dana, New York, 1899. Das Kapitel über die Ozeanexpedition in diesem Buch wurde von Le Conte geschrieben. Le Contes Buch Evolution (1888) war mir nicht zugänglich. Seine Autobiographie wurde 1903 veröffentlicht: W. Armes, Hg., The Autobiography of Joseph Le Conte. Seine Biographie und Bibliographie siehe H. Fairchild in Bull. Geol. Soc. Amer. 26 (1915), S. 53. Zurück zum Text
  15. Über Reynolds siehe den Index in „Centenary Celebration: Wilkes Exploring Expedition of the U.S. Navy, 1838–1842“, Proc. Amer. Philos. Soc., 82, Nr. 5 (1940). Es ist bedauerlich, dass unsere in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts so aktiven Expeditionen in den Pazifik nach dem Tod von Zar Alexander I. (1777–1825) und Graf N. P. Rumjanzow (1754–1826) – jenem denkwürdigen Wegbereiter russischer Kultur, der die „Riurik“-Expedition aus seinem Privatvermögen ausrüstete – lange Zeit (fast bis zur Revolution) unterbrochen wurden. In der sowjetischen Zeit sollte die Expedition von K. M. Derjugin (1878–1936) erwähnt werden; ihre wertvollen und wissenschaftlich bedeutsamen Materialien wurden bisher nur teilweise untersucht und bleiben unveröffentlicht. Eine solche Einstellung gegenüber wissenschaftlicher Arbeit ist unzulässig. Das Zoologische Museum der Akademie der Wissenschaften muß dieser wissenschaftlichen und zivilen Pflicht nachkommen. Zurück zum Text
  16. D. Gilman, a. a. O. Zurük zum Text
  17. Meine Zeitgenossen und ich haben unmerklich eine drastische Veränderung im Verständnis der Umwelt durchlebt. In meiner Jugendzeit erschien es anderen und mir, daß der Mensch lediglich eine Geschichtszeit von einigen tausend Jahren, bestenfalls einiger zehntausend Jahre durchlebt hätte. Jetzt wissen wir, daß der Mensch bewusst Zigmillionen Jahre erlebt hat. Er hat bewusst die Eiszeit in Eurasien und Nordamerika, die Entstehung des Himalaja usw. erlebt. Die Trennung zwischen historischer und geologischer Zeit ist für uns nivelliert. Zurück zum Text
  18. Die letzte überarbeitete Version meiner Ocherki Geokhimii (Probleme der Geochemie) erschien 1934. 1926 erschien die russische Ausgabe von Biosfera (Die Biosphäre), und 1929 die französische Ausgabe. Meine Biogeokhimicheskie Ocherki (Biogeochemische Studien) wurden 1940 veröffentlicht. Die Publikation von Problemy biogeokhimii (Probleme der Biogeochemie) wurde 1940 begonnen. (Eine gestraffte englische Übersetzung von Teil II erschien mit G. E. Hutchinson als Herausgeber in Trans. Conn. Acad. Arts Sci., Vol. 35, 1944.) Teil III ist in Druck. Ocherki Geokhimii wurde ins Deutsche und Japanische übersetzt. Zurück zum Text
  19. Le Roys Vorlesungen wurden unmittelbar auf Französisch veröffentlicht: L’exigence idealiste et le fait d’evolution, Paris, 1927, S. 196. Zurück zum Text
  20. A. Lotka, Elements of Physical Biology, Baltimore, 1925, S. 405 ff. Zurück zum Text
  21. W. S. Churchill, Amid These Storms: Thoughts and Adventures, New York, 1932, S. 247 ff. Ich plane, auf dieses Problem anderswo zurückzukommen. Zurück zum Text
  22. Ich behandele das Problem biogeochemischer Funktionen von Organismen im zweiten Teil meines Buches Die chemische Struktur der Biosphäre (siehe Anmerkung 1). Zurück zum Text